Die Patent-Etui-Kamera war das erste Modell der Kamera-Werkstätten Guthe & Thorsch und blieb in den Anfangsjahren des Unternehmens auch das einzige. Die Wurzeln dieser äußerst kompakten Kamera reichen bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück: Konstrukteur Paul Guthe hatte das Konzept einer besonders flachen, zusammenklappbaren Kamera bereits entwickelt und patentieren lassen. Nach der Gründung des Unternehmens im Jahr 1919 wurde genau dieses Modell zur Grundlage des geschäftlichen Erfolgs.
Die Patent Etui kam 1920 auf den Markt und wurde bis 1938 gefertigt. Neben der Version für das Plattenformat 6,5 x 9 cm wurde auch eine Variante für 9 x 12 cm große Aufnahmen angeboten. Ursprünglich für Glasplatten entworfen nahm das Modell natürlich auch entsprechende Planfilmhalter bzw. -packs und Rollfilmrückteile auf. Diese Bestückung gewann während der Zwischenkriegszeit zunehmende praktische Relevanz.
Konstruktion und technische Besonderheiten
Das zentrale Merkmal der Patent Etui ist ihre außergewöhnlich flache Bauweise. Im geschlossenen Zustand ähnelt sie einem schlichten Etui – ein bewusster Gegensatz zu den oft sperrigen Kameras ihrer Zeit. Möglich wurde dies durch mehrere konstruktive Besonderheiten:
- Gehäuse aus gezogenem Aluminium (ca. 1,5 mm stark): leicht, stabil und modern für die Zeit
- Gewölbter Laufboden zur Kombination von Stabilität und minimaler Bauhöhe
- Verstrebte Frontstandarte, die trotz filigraner Bauweise eine hohe Steifigkeit gewährleistet
Beim Öffnen klappt die Kamera nach vorne auf. Die Frontstandarte wird herausgezogen und mit den nach vorführenden Verstrebungen in den Laufschienen fest eingehängt. Gleichzeitig wird die Kamera damit in Unendlich-Stellung gebracht. Die Fokussierung erfolgt durch ein Rad am Laufboden.
Optik und Verschluss
Das im Museum gezeigte Modell ist mit einem Objektiv von Schneider Kreuznach ausgestattet (s.o.). Wie in der Zeit üblich, wurden verschiedenste Bestückungen angeboten. Häufig anzutreffen sind an der Patent Etui auch Zeiss Tessare.
Das hiergezeigte Exemplar verfügt über einen Zentralverschluss des Modells Gauthier Pronto mit einer überschaubaren Zeitenreihe von 1/25 bis 1/100. Zum Einsatz kamen an der Patent Etui aber auch leistungsfähigere Verschlüsse, wie z. B. der Compur (F. Deckel).
Bedienung und Ausstattung
Trotz ihrer kompakten Bauweise verfügte die Patent Etui über eine durchdachte Ausstattung. Für die Bildgestaltung standen drei Möglichkeiten zur Verfügung
- Brillantsucher, drehbar für Hoch- und Querformat
- zusätzlicher Rahmensucher für schnelle Schnappschüsse
- Mattscheibenrückteil für die präzise Einstellung
Einordnung und Bedeutung
Die Patent Etui in ihren verschiedenen Variationen war für rund 10 Jahre das einzige Produkt des Herstellers, bevor sich KW erfolgreich dem Bau von Spiegelreflexkameras widmete (Pilot, Praktiflex). Die Produktion erfolgte nicht nur für den heimischen Markt, sondern ebenso für den Export, insbesondere in europäische Staaten, nach Nordamerika und in den asiatischen Raum.
Kuriosum: Der japanische Hersteller Kuribayashi stellte ab Mitte der 1930er Jahre eine fast identische Kopie mit dem Namen „First Etui“ her.