Zeiss Ikon – Kolibri (523/18 L, Tessar/Compur)

Kategorie Fotokamera
Bauart Boxkamera
Epoche Zwischenkriegszeit (1919 - 1939)
Hersteller Zeiss Ikon
Firma Zeiss Ikon AG
Marke Zeiss Ikon
Modell Kolibri (523/18)
Filmformat Kleinformat 3 x 4 cm, Rollfilm 127
Objektiv Carl Zeiss Jena Tessar 1:3.5 / 5 cm
Objektivanschluss fest
Verschluss F. Deckel Compur
Verschlusszeiten T, B, 1 - 1/300
Produktionsbeginn 1930
Produktionsende 1932
Beschreibung handliche Kamera für das Format 3 x 4 cm auf Rollfilm des Typs 127 (Vest Pocket Film)

Die Zeiss Ikon Kolibri (523/18) ist eine kompakte Rollfilmkamera für das Aufnahmeformat 3 × 4 cm auf Film des Typs 127 („Vest Pocket Film“). Sie wurde ab 1930 von der Zeiss Ikon AG in Dresden angeboten. Die Auswertung zeitgenössischer Quellen und bekannter Seriennummern spricht für einen eigentlichen Produktionszeitraum von 1930 bis 1932, auch wenn die Kamera noch einige Jahre später in Preislisten und im Handel nachweisbar ist.

Mit ihrem ungewöhnlichen Aufbau nahm die Kolibri innerhalb des Zeiss-Ikon-Programms eine Sonderstellung ein. Anders als die damals verbreiteten kleinen Faltkameras besitzt sie keinen Balgen. Stattdessen wird das Objektiv auf einem verchromten Metalltubus aus dem flachen Kameragehäuse herausgeführt. Dadurch entstand eine vergleichsweise kompakte und zugleich eigenständig gestaltete Kamera für das Anfang der 1930er Jahre kurzzeitig populäre Format 3 × 4 cm.

Konstruktive Merkmale

Das auffälligste konstruktive Merkmal der Kolibri ist ihr versenkbarer Objektivtubus. Für die Aufnahme wird der verchromte Tubus aus dem Gehäuse gezogen und in seiner Arbeitsstellung arretiert. Zum Einschieben wird die Verriegelung durch eine leichte Drehbewegung gelöst. Auf einen Faltbalgen und die bei zeitgenössischen Rollfilmkameras üblichen Spreizen konnte Zeiss Ikon damit vollständig verzichten.

Die Kamera verwendet Rollfilm 127 und belichtet darauf Negative im Format 3 × 4 cm. Auf einem Film waren 16 Aufnahmen möglich. Der Filmtransport erfolgt mittels Drehknopf; zwei rote Kontrollfenster auf der Rückseite dienen der Kontrolle der Bildnummern.

Blick in das „Innenleben“ der Kolibri.

Die Scharfeinstellung erfolgt manuell über die Entfernungsskala am Objektiv. Einen gekuppelten Entfernungsmesser besitzt die Kolibri nicht. Zur Wahl des Bildausschnitts dient ein einfacher zusammenklappbarer Durchsichtssucher auf der Oberseite des Gehäuses.

Eine Besonderheit ist die Möglichkeit, die Kamera trotz ihrer schmalen Bauform für Hochformataufnahmen aufzustellen. Hierfür lieferte Zeiss Ikon eine kleine einschraubbare Objektivstütze bzw. einen Standfuß mit. Dieses Zubehör ist bei heute erhaltenen Kameras häufig verloren gegangen.

Objektiv und Verschluss

Das Exponat ist mit einem Carl Zeiss Jena Tessar 1:3,5 f = 5 cm ausgestattet. Das 1902 von Paul Rudolph für Carl Zeiss entwickelte Tessar war zu dieser Zeit eines der wichtigsten Qualitätsobjektive des Unternehmens. Seine vergleichsweise hohe Lichtstärke von 1:3,5 machte die entsprechend ausgestattete Kolibri zu einer leistungsfähigen kleinen Rollfilmkamera.

Das Objektiv sitzt in einem Compur-Zentralverschluss, der Belichtungszeiten bis 1/300 Sekunde ermöglicht. Der Zeiss-Ikon-Katalog von 1931 führt genau diese Kombination als Kolibri 523/18 L auf. Ihr Verkaufspreis betrug damals 135 Reichsmark.

Daneben bot Zeiss Ikon eine preiswertere Kolibri 523/18 I mit Novar-Anastigmat 1:4,5 f = 5 cm und einfacherem Telma-Verschluss an. Diese kostete 1931 85 Reichsmark. Darüber hinaus sind weitere, teilweise sehr seltene Objektivbestückungen bekannt. Besonders hervorzuheben ist die sogenannte „Nacht-Kolibri“ mit dem lichtstarken Carl Zeiss Biotar 1:2 / 4,5 cm, die heute zu den seltensten Ausführungen des Modells zählt.

Das Museumsexemplar zeigt die höherwertigere der beiden regulären Ausstattungsvarianten (Tessar und Compur).

Ausstattung und Zubehör

Zum Lieferumfang der Kolibri gehörten bei der Tessar-Ausführung neben dem Objektivdeckel auch die Objektivstütze und ein Drahtauslöser. Zeiss Ikon bot außerdem verschiedene Taschen und Etuis an.

Für Nahaufnahmen standen Proxar-Vorsatzlinsen zur Verfügung. Je nach Ausführung ermöglichten sie Aufnahmen bis zu einem Abstand von etwa 50 beziehungsweise 33 Zentimetern. Ergänzend konnte ein Gelbfilter verwendet werden. Damit ließ sich die kleine Sucherkamera für ein vergleichsweise breites Spektrum fotografischer Aufgaben einsetzen. Zum Museumsexemplar ist die originale Lederbereitschaftstasche mit den Zusatzfiltern erhalten.

Bedeutung und Einordnung

Die Kolibri steht exemplarisch für die Suche der Fotoindustrie nach einer besonders kompakten Kamera zu Beginn der 1930er Jahre. Das Aufnahmeformat 3 × 4 cm auf Rollfilm 127 versprach kleine Kameragehäuse und zugleich Negative, die für Kontaktkopien noch ausreichend groß waren. Zeiss Ikon führte in dieser Formatklasse neben der Kolibri unter anderem auch die Baby-Box und die kleine Ikonta 520/18 („Baby-Ikonta“).

Konstruktiv ging die Kolibri jedoch einen eigenständigen Weg. Ihr versenkbarer Metalltubus machte den sonst üblichen Balgen überflüssig und verlieh ihr ein unverwechselbares Erscheinungsbild. Das Konzept setzte sich langfristig dennoch nicht durch. In den 1930er Jahren gewann der perforierte 35-mm-Kinofilm als Aufnahmematerial hochwertiger Kleinbildkameras zunehmend an Bedeutung. Insbesondere Kameras wie Leica und ab 1932 Zeiss Ikons eigene Contax zeigten das Entwicklungspotenzial dieses Systems.

Gerade deshalb ist die Kolibri heute ein interessantes Zeugnis einer kurzen Phase des Kamerabaus, in der noch keineswegs entschieden war, welches Film- und Aufnahmeformat sich für besonders kompakte hochwertige Kameras durchsetzen würde. Die hier gezeigte Kombination aus Tessar 1:3,5 und Compur-Verschluss repräsentiert dabei die anspruchsvollere reguläre Ausführung des Modells.