K.W. Niedersedlitz – Praktisix

Kategorie Kamera
Bauart Spiegelreflexkamera (SLR)
Epoche Nachkriegszeit / DDR (1945 - 1990)
Hersteller K.W. Niedersedlitz
Firma Kamera Werk Niedersedlitz
Marke K.W.
Modell Praktisix
Filmformat Mittelformat 6 x 6 cm, Rollfilm 120
Objektiv Carl Zeiss Jena Tessar 1:2.8 / 80 mm
Objektivanschluss Praktisix/Pentacon Six
Verschluss Tuchschlitzverschluss
Verschlusszeiten B, 1 - 1/1.000
Produktionsbeginn 1956
Produktionsende 1964
Beschreibung Spiegelreflex-Systemkamera für Rollfilm 6x6

Die Praktisix gehört zu den bedeutendsten Mittelformatkameras der deutschen Nachkriegszeit. Sie wurde von den Kamera-Werkstätten Niedersedlitz (KW) bei Dresden entwickelt und erstmals 1956 auf der photokina vorgestellt. Die Serienfertigung begann 1957 und lief unter der Bezeichnung Praktisix bis 1966. Nach mehreren Modellüberarbeitungen wurde die Konstruktion als Pentacon Six bis 1990 weitergeführt.

Bei der Praktisix handelt es sich um eine einäugige Spiegelreflexkamera für Rollfilm des Formats 120. Sie erzeugt Negative im Format 6 × 6 cm und verbindet damit die hohe Bildqualität des Mittelformats mit den Bedienvorteilen einer Spiegelreflexkamera. Die Konstruktion orientierte sich bewusst an modernen Kleinbild-Spiegelreflexkameras und unterschied sich dadurch deutlich von vielen zeitgenössischen Mittelformatsystemen. Federführend an der Entwicklung beteiligt war der Konstrukteur Siegfried Böhm, der zuvor bereits die erfolgreiche Praktina entwickelt hatte.

Markant auf der Rückseite der Praktisix ist die Filmmerkscheibe: Im Gegensatz zur 1966 eingeführten Pentacon Six arbeitete die Praktisix ausschließlich mit 120er Rollfilm, jedoch noch nicht mit 220er.

Konstruktive Merkmale

Die Praktisix ist als einäugige Spiegelreflexkamera aufgebaut. Ihr Gehäuse besteht aus einem Druckgusskörper mit aufgesetztem Lichtschachtsucher. Die Kamera besitzt einen horizontal ablaufenden Tuchschlitzverschluss und einen Schwingspiegel, der dem Fotografen eine direkte Betrachtung des Motivs durch das Aufnahmeobjektiv ermöglicht.

Eine Besonderheit war die konsequente Auslegung als Systemkamera. Neben verschiedenen Suchersystemen konnten zahlreiche Wechselobjektive, Zwischenringe, Balgengeräte und weiteres Zubehör verwendet werden. Damit erschloss die Praktisix Einsatzbereiche von der Landschafts- und Porträtfotografie bis hin zu wissenschaftlichen und technischen Anwendungen.

Das augenscheinlich schon durch den VEB Pentacon erstellte Schnittbild zeigt den Strahlengang durch die Kamera bei aufgesetztem Prismensucher (c. wahrscheinlich 1964).

Mit der Praktisix wurde zudem ein neuer Objektivanschluss eingeführt, der später als P6-Bajonett beziehungsweise Pentacon-Six-Bajonett Verbreitung fand. Im Grundprinzip entspricht der Anschluss dem Praktina-Bajonett, natürlich in der Größe auf die Bedürfnisse einer Mittelformatkamera angepasst.

Objektive und Verschluss

Als Standardobjektiv wurden anfangs das Zeiss Tessar 1:2.8 / 80 mm (am Museumsexemplar) und das Meyer Primotar 1:3.5 / 80 mm eingesetzt. Im Lauf der frühen 1960er Jahre wurde das Biometar 1:2,8/80 mm von Carl Zeiss Jena eingeführt, welches bis 1990 das Standardobjektiv der Praktisix / Pentacon Six blieb. Daneben stand ein umfangreiches Objektivprogramm zur Verfügung, das von Weitwinkelobjektiven bis zu leistungsfähigen Teleobjektiven reichte. Bereits zur Markteinführung standen zahlreiche Teleobjektive von Meyer Optik Görlitz zur Verfügung, die aufgrund der Historie der Mittelformat-Reflexkameras im Sächsischen Kamerabau bereits vor dem Krieg, insbesondere für die Reflex-Korelle, Mittelformat-Exaktas und Primarflex, gerechnet und nun für die Praktisix angepasst wurden. Zudem stellte Carl Zeiss Jena mit dem Flektogon 1:4 / 65 mm eine Weitwinkellinse zur Verfügung, deren Entstehungsgeschichte vergleichbar ist. Die nachfolgenden Objektive wurden bereits zur Markteinführung der Praktisix beworben:

Standardobjektive:

  • Carl Zeiss Jena – Tessar 1:2.8 / 80 mm
  • Meyer Optik Görlitz – Primotar 1:3.5 / 80 mm

Fern- bzw. Teleobjektive:

  • Meyer Optik Görlitz – Primotar 1:3.5 / 135 mm
  • Meyer Optik Görlitz – Primotar 1:3.5 / 180 mm
  • Meyer Optik Görlitz – Telemegor 1:5.5 / 250 mm
  • Meyer Optik Görlitz – Telemegor 1:4.5 / 300 mm
  • Meyer Optik Görlitz – Telemegor 1:5.5 / 400 mm

Weitwinkelobjektiv:

  • Carl Zeiss Jena – Flektogon 1:4 / 65 mm

Eine technische Neuerung stellte die automatische Springblendensteuerung dar. Anders als bei vielen älteren Konstruktionen musste die Blendenautomatik nicht mehr gesondert gespannt werden. Beim Filmtransport wurden Verschluss, Filmtransport und Blendenmechanismus gemeinsam vorbereitet. Beim Auslösen schloss die Blende automatisch auf den voreingestellten Arbeitswert. Dies erleichterte die Bedienung erheblich und beschleunigte die Arbeitsweise des Fotografen. Zur Markteinführung war dieser Mechanismus am Tessar, Flektogon sowie Primotar E 1:3.5 / 80 mm verfügbar. Ob ein ebenfalls beworbenes und zumindest als Prototyp gefertigtes Primotar E 1:3.5 / 135 mm in den Handel gelangte ist aus heutiger Sicht fraglich. Insbesondere mit der Erweiterung Zeiss-Objektivpalette in der ersten Hälfte der 1960er Jahre änderte sich dies signifikant.

Der Tuchschlitzverschluss bot Belichtungszeiten von 1 Sekunde bis 1/1000 Sekunde sowie die Einstellung „B“. Damit verfügte die Praktisix über einen für ihre Zeit beachtlichen Verschlusszeitenbereich. Die Blitzsynchronisation erfolgte über einen PC-Anschluss bei einer Synchronzeit von 1/20.

Weitere Ausstattungsmerkmale und Besonderheiten

Die Praktisix wurde serienmäßig mit einem Lichtschachtsucher ausgeliefert. Zusätzlich konnten Prismensucher verwendet werden, die eine bequemere Motiverfassung ermöglichten. Für das Nachfolgemodell Pentacon Six wurde ab Mitte der 1960er-Jahre auch ein TTL-Prismensucher mit integrierter Belichtungsmessung angeboten, der weite Verbreitung fand.

Während der Produktionszeit entstanden verschiedene Ausführungen und Modellvarianten. Die frühen Exemplare, wie das hier gezeigte Museumsstück, tragen das charakteristische KW-Logo. Nach der Eingliederung der Kamera-Werke Niedersedlitz in den VEB Dresdner Kamera- und Kinowerke (ab 1964 VEB Pentacon) wurde dieses schrittweise durch das bekannte Symbol des Ernemannbaus ersetzt, der zum Firmenlogo des VEB Pentacon avancierte.

Die Praktisix erfuhr zwei Weiterentwickungen mit den Modellen Praktisix II (1964) und Praktisix IIa (1966), die konstruktive Verbesserungen insbesondere im Bereich des Filmtransports und der Spulenlagerung erhielten. Noch im Jahr 1966 wurde die letzte Weiterentwicklung in Form der Pentacon Six eingeführt, die den konstruktiven Endpunkt setze und faktisch unverändert bis 1990 gefertigt wurde.

Der Filmtransport der Praktisix erfolgt per Schnellspannhebel (rechts). Gut erkennbar ist auf diesem Bild ein Unterschied zur Praktisix II: Bei der Praktisix war noch eine „unsaubere“ Einstellung der Verschlusszeiten möglich (links), da eine Rasterung des Zeitenrads erst mit dem Nachfolgemodell eingeführt wurde. Damit sind die technischen Neuerungen der 1964er Modellpflege allergings auch schon erschöpfend geschildert.

Bedeutung und Einordnung

Die Praktisix markiert einen wichtigen Meilenstein der Dresdner Kameraproduktion. Sie schloss Mitte der 1950er Jahre eine Lücke im Angebot der ostdeutschen Fotoindustrie und stellte eine moderne Mittelformat-Spiegelreflexkamera dar. Ihre technische Ausstattung galt zur Zeit ihrer Einführung als durchaus fortschrittlich.

Für die Kamera-Werkstätten Niedersedlitz war die Praktisix zugleich ein Höhepunkt ihrer Entwicklungsarbeit. Sie führte die erfolgreiche Tradition innovativer Spiegelreflexkameras aus dem Hause KW fort und bildete die Grundlage für die spätere Pentacon-Six-Reihe. Nach mehreren Fehlversuchen (insbesondere Exakta 6×6, Meister-Korelle) konnte der Sächsische Kamerabau eine Mittelformatkamera auf den Markt bringen, die bei allen bekannten Schwächen (z.B. Bildüberlappungen) bis 1990 das Rückgrat der professionellen Fotografie in der DDR und den RGW-Staaten wurde. Auch die Kamera in westliche Länder exportiert. Am bekanntesten ist die modifizierte Ausführung für die BRD als „Exakta 66“ für die hochwertige Objektive von Schneider Kreuznach angeboten wurden.

Gleichzeitig ist festzuhalten, dass auch an der Praktisix, bzw. ihrer Nachfolgerin Pentacon Six, das Innovationsdefizit der DDR-Wirtschaft nicht vorbei ging und die Kamera ab 1966 ohne konstruktive Weiterentwicklungen für knapp 2,5 Jahrzehnte produziert wurde. Wie dem gesamten VEB Pentacon wurde dies 1990 auch der Pentacon Six zum Verhängnis.