Die Zeiss Ikon Baldur (51/2) ist eine einfache Rollfilm-Boxkamera für acht Aufnahmen im Format 6 × 9 cm auf Rollfilm B II beziehungsweise dem heutigen Typ 120. Sie kam Anfang der 1930er-Jahre auf den Markt und wurde nach den meisten kamerahistorischen Quellen von 1934 bis etwa 1936 angeboten. Einige Quellen nennen bereits 1933 als Jahr der Markteinführung.
Innerhalb des umfangreichen Zeiss-Ikon-Programms bildete die Baldur eine preisgünstigere Alternative zur etablierten Box Tengor. Während Zeiss Ikon mit Kameras wie Contax, Super Ikonta oder später Contaflex technisch anspruchsvolle Spitzenmodelle anbot, richteten sich Boxkameras an Einsteiger und Gelegenheitsfotografen. Die Baldur 51/2 beschränkte sich dementsprechend auf die für Schnappschussfotografie notwendigen Funktionen. Die Baldur 51/2 kostete laut zeitgenössischer Zeiss-Ikon-Preisliste 8,40 RM. Damit war sie deutlich günstiger als die Box-Tengor I 6 × 9 für 12,75 RM. Noch eine Händleranzeige vom Mai 1937 weist für beide Modelle dieselben Preise aus (vgl.: Hamburger Fremdenblatt, Jg. 109, Nr. 128, Abendausgabe, 10.05.1937).
Die Typenbezeichnung folgt dem bei Zeiss Ikon üblichen Katalogsystem: Die Baldur 51 belichtete Negative im kleineren Format 4,5 × 6 cm, während die 51/2 für das Format 6 × 9 cm bestimmt war. Beide Modelle verwendeten Rollfilm 120.
Konstruktive Merkmale
Die Baldur 51/2 entspricht dem klassischen Aufbau einer Boxkamera. Das lichtdichte Gehäuse besteht im Wesentlichen aus einem zweiteiligen Metallkörper, dessen Außenseiten teilweise mit Kunstleder bezogen beziehungsweise schwarz lackiert sind. Objektiv, Verschluss und Suchereinrichtungen sitzen fest im Gehäuse; einen ausziehbaren Balgen oder eine Entfernungseinstellung besitzt die Kamera nicht.
Der Film wird von einer Spule zur gegenüberliegenden Aufwickelspule transportiert. Durch ein rotes Fenster in der Rückwand können die auf dem Schutzpapier des Rollfilms aufgedruckten Bildnummern abgelesen werden. Eine automatische Bildzählung oder Doppelbelichtungssperre ist nicht vorhanden. Nach jeder Aufnahme musste der Benutzer den Film daher selbstständig bis zur nächsten Bildnummer weitertransportieren.
Für die Bildgestaltung besitzt die Baldur zwei Brillantsucher, einen für Hoch- und einen für Querformat. Diese einfache Sucherkonstruktion war für Boxkameras jener Zeit typisch: Das Motiv wird über eine kleine spiegelnde beziehungsweise mattierte Sucheroptik betrachtet. Eine exakte Kontrolle des Bildausschnitts oder der Schärfe wie bei einer Spiegelreflexkamera ist damit nicht möglich.
Aufgrund des Fixfokusobjektivs entfällt das Scharfstellen vollständig. Zeitgenössische Katalogangaben nennen für die Baldur 51/2 einen nutzbaren Schärfebereich von ungefähr 5 bis 20 Metern; außerhalb dieses Bereichs nahm die Abbildungsleistung entsprechend ab. Die einfache Bedienung war Teil des Konzepts: Film einlegen, Bildausschnitt wählen, gegebenenfalls die Blende einstellen und auslösen.

Objektiv und Verschluss
Die Baldur 51/2 ist mit einem Goerz Frontar 1:11/115 mm ausgestattet. Das Frontar war ein einfach aufgebautes Objektiv, das seit der Zeit von C. P. Goerz insbesondere bei preisgünstigen Boxkameras Verwendung fand. Nach der Eingliederung von Goerz in die 1926 gegründete Zeiss Ikon AG blieb der Name für entsprechende Objektivkonstruktionen erhalten. Für das große Negativformat von 6 × 9 cm entspricht die Brennweite von 115 mm einem normalen Bildwinkel.
Trotz der einfachen Konstruktion handelt es sich nicht lediglich um eine einzelne unkorrektierte Meniskuslinse, sondern um einen Achromaten, bei dem zwei miteinander kombinierte Linsen insbesondere chromatische Abbildungsfehler reduzieren. Das Frontar bot damit eine für Kontaktkopien und kleinere Vergrößerungen durchaus brauchbare Bildqualität, blieb konstruktiv aber deutlich einfacher als die höherwertigen Novar-, Tessar- oder Sonnar-Objektive anderer Zeiss-Ikon-Kameras.
Die Lichtstärke beträgt lediglich 1:11. Zusätzlich lässt sich eine kleinere Blende von ungefähr 1:16 einschwenken. Die Blendenwahl dient damit weniger einer differenzierten fotografischen Gestaltung als vielmehr der Anpassung an unterschiedliche Lichtverhältnisse und einer Vergrößerung der Schärfentiefe.
Der Verschluss ist ein einfacher Rotationsverschluss. Neben einer Momentaufnahme von ungefähr 1/30 Sekunde steht eine Einstellung für längere Zeitaufnahmen zur Verfügung. Je nach Quelle wird diese mit „B“ oder „T“ bezeichnet; der zeitgenössische Katalognachweis nennt für die Momentaufnahme etwa 1/25 Sekunde.
Damit war die Baldur in erster Linie für Aufnahmen bei gutem Tageslicht bestimmt. Die Kombination aus Blende 11 und etwa 1/30 Sekunde verlangte vergleichsweise helle Aufnahmebedingungen und ein möglichst ruhiges Halten der Kamera. Für Innenaufnahmen oder schwaches Licht waren längere Belichtungen erforderlich, wobei die vorhandenen Stativgewinde hilfreich waren.
Weitere Ausstattungsmerkmale und Varianten
Neben der hier behandelten Baldur 51/2 für 6 × 9 cm existierte die kleinere Baldur 51, die auf demselben Rollfilm Negative im Format 4,5 × 6 cm erzeugte. Durch das kleinere Aufnahmeformat waren auf einer Filmrolle entsprechend mehr Bilder möglich. Beide Varianten folgen äußerlich demselben Grundkonzept und sind an der charakteristischen Frontgestaltung mit der Bezeichnung „Baldur“ zu erkennen.
Eng verwandt ist die später beziehungsweise parallel auftretende Erabox. Kamerahistorische Quellen beschreiben sie technisch weitgehend als identische beziehungsweise nur umbenannte Variante der Baldur. Die Baldur soll um 1936 aus dem Programm verschwunden sein, während die Erabox noch bis etwa 1938 angeboten wurde. Zeitweise wurde in Zeiss-Ikon-Katalogen der „Erabox“ die Bezeichnung „Baldur“ in klammern beigefügt. Technische Unterschiede zwischen den Kameras bzw. Neuerungen mit der Einführung des Namens Erabox sind nicht ersichtlich. Für den italienischen Markt existierte außerdem die Namensvariante Balilla.
Der Name „Baldur“ und die zeitgeschichtliche Einordnung
Die Kamera war offenbar besonders auf eine junge Zielgruppe zugeschnitten bzw. generell für Einsteiger konzipiert. Ihr niedriger Preis, die einfache Bedienung und die Namensgebung passten zu der Vorstellung, Jugendliche an die Amateurfotografie heranzuführen.
Es existiert eine verbreitete kamerahistorische Überlieferung, wonach Zeiss Ikon die Kamera „Baldur“ nach Baldur von Schirach, dem NS-Reichsjugendführer, benannte. Häufig wird diese Namensgebung als Sinnbild für die schnelle Anpassung der Zeiss Ikon im Speziellen und der deutschen Wirtschaft im Allgemeinen an die neuen Machthaber verstanden. In dieses Bild fügt sich der verhältnismäßig frühe und umfassende Einstieg der Zeiss Ikon in die Rüstungsproduktion ein. Einen zeitgenössischen Beleg dafür, dass die Kamera tatsächlich nach Baldur von Schirach benannt wurde, haben wir bislang jedoch nicht gefunden. Denkbar wäre auch ein Bezug auf den nordischen Lichtgott „Baldur“ (bzw. „Baldr“). Die These einer gezielten Namensgebung nach dem recht populären Reichsjugendführer von Schirach wird allerdings auch dadurch gestützt, dass für die italienische Exportvariante der „Baldur“ ausgerechnet der Name „Balilla“ gewählt wurde. Die Bezeichnung Balilla trug die Jugendorganisation der Italienischen Faschistischen Partei, die dem Jungvolk der NSDAP ähnelte. An dieser Stelle bitten wir um Ihre Mithilfe: Wenn Ihnen Primärquellen (z.B. diesbezügliche Unterlagen der Zeiss Ikon oder Werbeschriften) bekannt sind, die die Namensgebung der „Baldur“ dokumentieren, freuen wir uns über eine entsprechende Mitteilung.
Bedeutung und Einordnung des Exponats
Fototechnisch stellt die Baldur 51/2 keinen Meilenstein dar. Im Gegenteil: Ihre Konstruktion war bereits bei ihrem Erscheinen bewusst einfach gehalten. Fixfokus, lichtschwaches Frontar, einfacher Rotationsverschluss und Brillantsucher entsprechen dem traditionellen Konzept der Boxkamera. Gerade darin liegt jedoch ihre Bedeutung innerhalb des Zeiss-Ikon-Programms.
Die 1926 gegründete Zeiss Ikon AG deckte nahezu das gesamte Spektrum des damaligen Kameramarktes ab. Neben technisch hochentwickelten und vergleichsweise kostspieligen Kameras wie der Contax standen einfache Rollfilm- und Boxkameras für ein wesentlich breiteres Publikum. Die Baldur zeigt damit exemplarisch die Strategie des Konzerns, unterschiedlichste Preisklassen und Zielgruppen mit eigenen Modellreihen zu bedienen. Die einfachere Baldur wurde ausdrücklich unterhalb der Box Tengor positioniert; ihr Preis von 8,40 RM gegenüber 12,75 RM für die Box Tengor macht diese Abstufung unmittelbar sichtbar.