Die Ikoflex III (853/16) ist die mit Abstand technisch anspruchsvollste zweiäugige Spiegelreflexkamera, die die Zeiss Ikon AG vor dem Zweiten Weltkrieg auf den Markt brachte. Das erst Ende 1939 eingeführte Spitzenmodell der Ikoflex-Reihe wurde nur kurze Zeit, bis Anfang 1940, gefertigt. Es verwendet Rollfilm für zwölf Aufnahmen im quadratischen Format 6 × 6 cm und verbindet die für eine TLR typische Mattscheibenbetrachtung mit einer Reihe ungewöhnlich aufwendiger konstruktiver Lösungen.
Bei der Modellbezeichnung ist Vorsicht geboten: Bereits eine 1938 erschienene Kamera mit der Zeiss-Ikon-Katalognummer 852/16 wurde zunächst als „Ikoflex III“ angeboten. Mit Einführung des wesentlich aufwendigeren Modells 853/16 im Jahr 1939 wurde die 852/16 jedoch zur Ikoflex II umbenannt. Die hier vorgestellte Ikoflex III ist daher eindeutig an der Katalognummer 853/16 zu erkennen. Derartige Modellumbenennungen erfolgten mehrfach in der Ikoflex-Reihe. Im Folgenden wird die Bezeichnung Ikoflex III für den Typ 853/16 verwendet.
Die Ikoflex III war als unmittelbare Konkurrentin zur erfolgreichen Rolleiflex konzipiert. Zeiss Ikon positionierte sie dabei bewusst am oberen Ende des Marktes. Zeitgenössische Anzeigen nennen für die Kamera mit Tessar 1:2,8 einen Preis von 320 Reichsmark – deutlich mehr als für einfachere Ikoflex-Modelle und auch mehr als für eine vergleichbare Rolleiflex Automat. Die Kamera war damit weniger ein Massenmodell als vielmehr ein technisches Aushängeschild des Dresdner Herstellers.
Konstruktive Merkmale
Wie bei einer klassischen zweiäugigen Spiegelreflexkamera sind Aufnahme- und Sucherobjektiv übereinander angeordnet. Das obere Objektiv erzeugt über einen Spiegel das Sucherbild auf der Mattscheibe, während das darunterliegende Objektiv ausschließlich der Aufnahme dient. Scharfgestellt wird durch die gemeinsame Bewegung beider Objektive, wodurch Sucher- und Aufnahmeebene miteinander gekoppelt bleiben.
Für ihre Zeit besonders fortschrittlich war der Filmtransport mittels Kurbel, der gleichzeitig den Verschluss spannt. Damit übernahm Zeiss Ikon ein wesentliches Komfortmerkmal moderner TLR-Kameras: Nach einer Aufnahme genügt der Transportvorgang, um die Kamera für die nächste Aufnahme vorzubereiten. Ein automatisches Bildzählwerk erleichtert dabei die Handhabung des Rollfilms.
Die eingestellten Werte für Blende und Verschlusszeit werden in kleinen Fenstern auf der Oberseite des Objektivträgers angezeigt. Der Fotograf kann sie damit von oben kontrollieren, ohne die Kamera aus ihrer typischen Aufnahmeposition vor dem Körper nehmen zu müssen. Dieses Bedienkonzept war bereits beim unmittelbaren Vorgängermodell angelegt und wurde bei der 853/16 konsequent weitergeführt.
Bemerkenswert ist auch die Materialwahl. Trotz des großen Aufnahmeobjektivs und der aufwendigen Mechanik wiegt die Kamera nur knapp ein Kilogramm. Möglich wurde dies durch einen Gehäusekörper aus einer leichten Magnesiumlegierung beziehungsweise einem entsprechenden Leichtmetall. Für eine so komplex aufgebaute TLR war dies Ende der 1930er-Jahre keineswegs selbstverständlich. Für die vollständige Kamera werden etwa 965 Gramm angegeben.
Objektiv und Verschluss
Das herausragende technische Merkmal der Ikoflex III ist ihr Aufnahmeobjektiv, ein Carl Zeiss Jena Tessar 1:2,8 f = 8 cm. Das Tessar, eine vierlinsige Konstruktion in drei Gruppen, zählte zu den bekanntesten Objektivtypen von Carl Zeiss. Mit einer Anfangsöffnung von 1:2,8 war die Ausführung der Ikoflex III für eine zweiäugige 6×6-Spiegelreflexkamera außergewöhnlich lichtstark.
Gerade hierin wird der Anspruch des Modells deutlich. Rolleiflex-Kameras dieser Zeit waren noch mit Objektiven der Lichtstärke 1:3,5 ausgestattet; eine Rolleiflex mit einem Aufnahmeobjektiv 1:2,8 erschien erst deutlich später. Die Ikoflex III nahm somit bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine Entwicklung vorweg, die sich bei hochwertigen professionellen TLR-Kameras erst in der Nachkriegszeit breiter durchsetzen sollte.
Als Sucherobjektiv dient ein ebenfalls lichtstarker Teronar-Anastigmat 1:2,8 f = 8 cm. Die identische nominelle Lichtstärke trägt zu einem vergleichsweise hellen Mattscheibenbild bei.
Das Tessar sitzt in einem Compur-Rapid-Zentralverschluss. Dieser bietet Belichtungszeiten von 1 Sekunde bis 1/400 Sekunde sowie B für Langzeitbelichtungen. Die ungewöhnliche Höchstgeschwindigkeit von 1/400 Sekunde entspricht der damaligen Ausführung des Compur-Rapid. Bei historischen Exemplaren ist zu beachten, dass die höchste Verschlusszeit konstruktionsbedingt nur in der vorgeschriebenen Reihenfolge eingestellt werden sollte; bereits die zeitgenössische Bedienungsanleitung warnte vor einer falschen Betätigung des Verschlusses.
Weitere Ausstattungsmerkmale und Besonderheiten
Eine besonders ungewöhnliche Lösung stellt der zusätzlich in die Sucherhaube integrierte Albada-Durchsichtssucher dar. Während die normale Bildgestaltung über die Mattscheibe erfolgt, ermöglicht der Albada-Sucher das schnelle Anvisieren eines Motivs aus Augenhöhe. Damit sollte die Ikoflex III auch für bewegte Motive und spontane Aufnahmen besser geeignet sein, bei denen das Arbeiten mit dem Lichtschachtsucher weniger günstig war.
Zeiss Ikon ging dabei ungewöhnlich weit: Der Albada-Sucher verfügt über eine mit der Entfernungseinstellung gekoppelte Parallaxenkorrektur. Beim Scharfstellen verändert sich der angezeigte Bildausschnitt, um die bei nahen Aufnahmeentfernungen zunehmende Abweichung zwischen Sucher- und Aufnahmeobjektiv zumindest für den Durchsichtssucher auszugleichen. Gerade diese technisch aufwendige Lösung verdeutlicht den Anspruch, mit der Ikoflex III nicht lediglich eine weitere Rolleiflex-Konkurrentin, sondern ein eigenständiges Spitzenmodell zu schaffen.
Zur Ausstattung gehören ferner ein mechanisches Bildzählwerk und eine Anzeige, ob sich Film in der Kamera befindet. Filmtransport und Verschlussaufzug sind gekoppelt, wodurch mehrere Arbeitsschritte des Aufnahmevorgangs zusammengefasst werden. Die Ikoflex III erreichte damit einen für Ende der 1930er-Jahre sehr hohen Bedienkomfort.
Varianten und Stückzahlen
Von der eigentlichen Ikoflex III 853/16 sind keine grundlegenden Ausstattungsvarianten mit unterschiedlichen Aufnahmeobjektiven bekannt. Charakteristisch für das Modell ist die Kombination aus Tessar 1:2,8/8 cm, Teronar 1:2,8/8 cm und Compur-Rapid.
In der Sammler- und Fachliteratur wird für die Ikoflex III häufig eine Gesamtproduktion von lediglich rund 8.500 Exemplaren genannt. Diese Zahl erscheint angesichts des kurzen Fertigungszeitraums und der Positionierung deutlich oberhalb des Massenmarkts plausibel.
Bedeutung und Einordnung des Exponats
Die Ikoflex III nimmt innerhalb der Geschichte von Zeiss Ikon eine besondere Stellung ein. Während das Unternehmen mit der Contax im Kleinbildbereich unmittelbar gegen Leica antrat, sollte die Ikoflex-Reihe Zeiss Ikon auch im Markt hochwertiger zweiäugiger Mittelformatkameras etablieren. Dort dominierte jedoch Franke & Heidecke mit der Rolleiflex. Die 853/16 war der wohl ambitionierteste Versuch von Zeiss Ikon, diesen technischen Vorsprung nicht nur einzuholen, sondern mit eigenen Lösungen zu übertreffen.
Das lichtstarke Tessar 1:2,8, der gekoppelte Filmtransport und Verschlussaufzug, die gut einsehbaren Einstellanzeigen, der Leichtmetallkörper und insbesondere der parallaxenkorrigierte Albada-Sucher zeigen einen ungewöhnlich hohen konstruktiven Aufwand. Gleichzeitig hatte diese technische Konsequenz ihren Preis: Mit 320 Reichsmark war die Ikoflex III 1939 ausgesprochen teuer und blieb ein exklusives Produkt.
Der Zeitpunkt ihrer Einführung erwies sich zudem als denkbar ungünstig. Nur wenige Monate nach dem Erscheinen begann der Zweite Weltkrieg; die zivile Kameraproduktion wurde zunehmend von den Anforderungen der Rüstungswirtschaft verdrängt. Die Fertigung der Ikoflex III endete bereits Anfang 1940. Damit blieb ihr trotz ihrer bemerkenswerten technischen Eigenschaften eine größere Marktwirkung versagt. Die Ikoflex III dokumentiert den technischen Anspruch der Zeiss Ikon AG unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg und steht exemplarisch für die Fähigkeit des Unternehmens, etablierte Kamerakonzepte mit erheblichem konstruktivem Aufwand weiterzuentwickeln. Zugleich zeigt sie die intensive Konkurrenz innerhalb der deutschen Kameraindustrie jener Zeit: Leica im Kleinbildbereich und Rolleiflex im Mittelformat waren für Zeiss Ikon keine bloßen Wettbewerber, sondern auch technische Maßstäbe, denen das Unternehmen eigene, teilweise ausgesprochen innovative Lösungen entgegensetzte.