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Sächsisches Kameramuseum
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Ihagee – Vom Handelsunternehmen zum innovativen Kamerahersteller

Posted on 7. Januar 20267. Januar 2026

Die Firma Ihagee gehört zu den prägenden Namen der Dresdner Kameraindustrie. Ihre Geschichte steht beispielhaft für den Aufstieg Dresdens zu einem der weltweit bedeutendsten Zentren feinmechanisch-optischer Industrie – ebenso wie für die Brüche und Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Besonders mit der Marke Exakta setzte Ihagee technische Maßstäbe, deren Einfluss bis heute spürbar ist.

Gründung und Aufbauphase

Gegründet wurde die Ihagee 1912 in Dresden durch den aus den Niederlanden stammenden Kaufmann Johann Steenbergen. Der Firmenname leitete sich von der ursprünglichen Bezeichnung Industrie- und Handelsgesellschaft ab. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg begann das Unternehmen mit der Fertigung fotografischer Apparate, zunächst vor allem einfacher Plattenkameras (meist im Format 9 x 12 cm). Als Besonderheit der frühen Produktionsphase kann die für damalige Verhältnisse besonders kompakte Plattenkamera „Mikrobie“ im Format im Format 4,5 x 6 cm benannt werden (ähnliches Prinzip wie Hüttig/Ica „Atom“). Hervorzuheben ist der „Luminax“-Vergrößerer (1918), der als Ansatz an Plattenkameras montiert wurde.

Konsolidierung und Erweiterung der Produktpalette nach dem 1. Weltkrieg

Nach einer wirtschaftlichen Schieflage zum Ende des Krieges und einer hieraus resultierenden Neugründung entwickelte sich Ihagee in den 1920er-Jahren zu einem international anerkannten Kamerahersteller. Die Produktpalette wurde systematisch ausgebaut und umfasste nun eine Vielfalt verschiedenster Bauarten und Formate. Viele Modelle boten wurden in mannigfaltigen Objektiv- und Verschlussvariationen angeboten, was die Kameras flexibel einsetzbar machte. Der Export – insbesondere nach Westeuropa und in die USA – gewann zunehmend an Bedeutung.

Neben Platten- und Rollfilmkameras in klassischer Bauweise sollen nur einige Besonderheiten dieser Epoche exemplarisch benannt sein:

  • Paff-Reflex (ab 1921): einfache Boxkamera mit Lichtschachtsucher und Mattscheibenfokussierung war die erste Spiegelreflexkamera der Ihagee; Ausführung für Rollfilm (Roll-Paff-Reflex) und Platten (Plan-Paff-Reflex)
  • Ihagee Neugold (ab 1923): hochwertige (und hochpreisige) Laufbodenkameras aus Messing und Tropenholz für Platten in den Formaten 6.5 x 9cm, 9 x1 2cm und 10 x 15cm
  • Patent Klapp-Reflex (ab 1924): kompakte, weil klappbare, Spiegelreflexkamera im Plattenformat 6,5 x 9 cm mit schnellem Tuchschlitzverschluss (max. 1/1000 sec.), gedacht für den professionellen Fotografen
  • Zweiverschluss Duplex (ab 1927): Laufbodenkamera mit Zentralverschluss (auf Objektivstandarte) und Tuchschlitzverschluss (auf Fokalebene) in den Formaten 6.5 x 9 cm, 9 x 12 cm und 10×15 cm; Bildformat horizontal
  • Parvola (ab 1936): kleine Sucherkamera für den 127er Film in den Formaten 3 x 4 cm, 4 x 6,5 cm sowie als Zweiformatausführung, die beide Bildgrößen ermöglicht
  • Exakta (ab 1933) und Kine-Exakta (ab 1936)
Roll-Paff-Reflex von 1921 – zeitgenössiger Katalogausschnitt (für US-Markt)
Neben Kameras stellte Ihagee fotografisches Zubehör verschiedenster Art her; u.a. Beleuchtungsaufsätze der Marke „Lumimax“, mit denen herkömmliche Laufbodenkameras zu Vergrößerungsgeräten umgewandelt wurden. [Abb. zeigt Titelseite eines Werbeprospekts der Ihagee]

Die ersten Exaktas: Spiegelreflex für 127er Rollfilm

Bereits vor der legendären Kleinbild-Exakta experimentierte Ihagee mit einäugigen Spiegelreflexkameras für Rollfilm. 1933 erschien die Exakta, ausgelegt für den 127er Rollfilm (Negativformat ca. 4×6,5 cm). Aufgrund des verwendeten Films wird die Kamera gerne als Vest Pocket Exakta oder Exakta VP bezeichnet in Abgrenzung zur später erschienenen Kine-Exakta für das Kleinbildformat. Wir möchten uns im Folgenden ebenfalls dieser Bezeichnung bedienen – wissend, dass diese nicht der zeitgenössigen Namensgebung entspricht.

Exakta (VP) Modell B von 1937 aus dem Bestand des Sächsischen Kameramuseums

Die Exakta VP verfügte bereits über:

  • einen Schwingspiegel zur exakten Bildkontrolle
  • einen Lichtschachtsucher
  • Wechselobjektive
  • eine für die Zeit erstaunlich kompakte Bauform

Die Vest Pocket Exakta richtete sich an ambitionierte Amateure und professionelle Fotografen. Sie bildete einen wichtigen technologischen Zwischenschritt. Viele konstruktive Lösungen – etwa der grundsätzliche Aufbau des Spiegelkastens – fanden später Eingang in die Kleinbild-Exakta. Ihagee sammelte hier entscheidende Erfahrungen im Bau serienreifer SLR-Kameras.

Der Durchbruch: Die Kine-Exakta und der Beginn der Spiegelreflexära im Kleinbild

Der entscheidende Wendepunkt in der Firmengeschichte kam 1936 mit der Vorstellung der Kine Exakta. Sie gilt als erste serienmäßig produzierte einäugige Kleinbild-Spiegelreflexkamera (SLR) der Welt. Damit betrat Ihagee technisches Neuland und beeinflusste die Kamerakonstruktion nachhaltig. Die Kine-Exakta bot bereits im Jahr 1936:

  • 35-mm-Kleinbildfilm (perforierter Kinofilm)
  • Wechselobjektive mit Bajonettanschluss
  • Reflexsucher mit Schwingspiegel
  • umfangreiche Anschlussmöglichkeiten für Spezialzubehör

Besonders Wissenschaft, Medizin und technische Fotografie profitierten von diesen Neuerungen. Gleichzeitig sprach die Exakta auch ambitionierte Amateurfotografen an, die neue gestalterische Möglichkeiten suchten (und über die notwendige Liquidität verfügten). Kleinbild-SLRs dominierten in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit das Segment der Kameras für ambitionierte Amateure und professionelle Fotografen.

Kine-Exakta in Form der sogenannten „Reparations-Exakta“ aus dem Jahr 1946 (aus Museumsbestand)

Krieg, Zerstörung und Neubeginn

Der Zweite Weltkrieg brachte die zivile Kameraproduktion erneut nahezu zum Erliegen. Die Dresdner Werke wurden bei Luftangriffen schwer beschädigt. Nach 1945 begann der mühsame Wiederaufbau unter völlig veränderten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Ihagee wurde in Dresden als Ihagee Kamerawerk AG i. V. [in Verwaltung] weitergeführt und später in die volkseigene Industrie der DDR eingegliedert. Die unmittelbare Nachkriegsproduktion diente primär den an die sowjetische Besatzungsmacht zu liefernden Reparationsleistungen („Reparations-Exakta“). Dies führte immerhin dazu, dass die Produktionsanlagen (soweit nicht zerstört) in Dresden verblieben und eine Produktion der Kine-Exakta bereits 1945 wieder aufgenommen wurde.

Gleichzeitig entstanden in Westdeutschland separate Unternehmensstrukturen, was zu langjährigen Namens- und Markenrechtskonflikten führte.

In den 1950er-Jahren erreichte das Exakta-System seinen technischen Höhepunkt. Mit der Exakta Varex führte Ihagee ein konsequent modulares Kamerasystem ein. Wechselbare Sucher – darunter Prismensucher, Lichtschachtsucher und Spezialaufsätze – machten die Kamera für unterschiedlichste Einsatzbereiche nutzbar.

Parallel zur Exakta wurde ab 1951 die deutlich abgespeckte EXA angeboten, welche mit ihrem simplen Klappverschluss eine günstige Systemkamera für den heimischen Markt darstellte. Schnell entwickelte sich diese Kamera zu einem nachgefragten Modell, sodass 1955/56 eine Lizenzproduktion durch Rheinmetall Sömmerda erfolgte. Auch wenn die EXA kein Innovationsträger war, stellte sie nicht nur ein äußerst volumenstarkes Produkt für die Ihagee dar, sondern erfüllte eine besondere Rolle für die Versorgung des Konsumgütermarkts der DDR, der nach dem Volksaufstand von 1953 in den Fokus des Politbüros rückte. Insbesondere die Exa 1a und 1b wurden in hohen Stückzahlen produziert. 1960 wurde mit der Exa II eine weitere Produktlinie zwischen EXA 1 und Exakta platziert, die über eine schnelleren (Tuchschlitz)Verschluss als die Exa verfügte, jedoch keinen wechselbaren Sucher anbot (festes Prisma). Auch diese Kamera (einschließlich ihrer leicht modifizierten Folgemodelle) wurde bis 1969 in großen Stückzahlen gefertigt und bediente in wesentlichen Teilen den heimischen Markt der DDR bzw. der RGW-Staaten.

Späte Jahre und Bedeutungsverlust

Ab den 1960er-Jahren geriet Ihagee zunehmend unter Druck. Internationale Hersteller – insbesondere aus Japan – brachten modernere, benutzerfreundlichere Spiegelreflexkameras auf den Markt. Innerhalb der DDR erschwerten zentrale Planvorgaben, Materialengpässe und langsame Innovationszyklen die Weiterentwicklung. Es entstanden zwar weiterhin Exakta-Modelle (zuletzt 1967 die VX 1000 und VX 500), doch der technologische Vorsprung war verloren gegangen. Nennenswerte technische Innovationen erfuhren die Ihagee-Kameras ab Mitte der 1950er-Jahre nicht mehr.

Mit der Eingliederung in den VEB Pentacon verlor Ihagee 1969 seine Eigenständigkeit. 1970 endete die Produktion der Exakta VX1000/500, während die Exa 1b im VEB Pentacon bis Ende der 1980er-Jahre (zuletzt als 1c) hergestellt wurde. Ihagee steht wie kaum ein anderes Unternehmen für den Mut zur Innovation und die internationale Bedeutung der Dresdner Kameraindustrie. Die Exakta markiert einen Wendepunkt in der Fototechnik und ist bis heute ein Meilenstein der Industriegeschichte. Gleichwohl verkörpert auch kaum ein anderes Dresdner Unternehmen wie die Ihagee den Niedergang der ostdeutschen Kameraindustrie durch mangenden Innovationsschub ab den 1960er-Jahren.

Ihagee im Sächsischen Kameramuseum

Im Bestand des SKM befinden sich zahlreiche Modelle der Ihagee, sowohl aus der Vor- wie auch Nachkriegszeit. Neben Kine-Exakta (Vor- und Nachkriegsproduktion) wird die Entwicklung dieses zentralen Modells durch verschiedene Exponate der Exakta Varex-Varianten und verschiedene Ausführungen der EXA dokumentiert (einschließlich Systemzubehör). Zudem befinden sich verschiedene Produkte der Ihagee aus der Anfangs- und Zwischenkriegszeit im Museumsbestand (u.a. Photoklapp 9×12, Zweiverschluss-Duplex, Exakta VP Modell B, Parvola, Ultrix).

Auch hier wird der Museumsbestand fortwährend erweitert und konnte zuletzt durch die Parvola ergänzt werden. Gleichwohl werden weiterhin wichtige Exponate zur Sammlungsergänzung gesucht (z.B. Klapp-Reflex aber auch verschiedene Exakta-Ausführungen).

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