Der Dresdner Kamerabau bot neben den „Platzhirschen“ wie ICA, Ernemann und Zeiss Ikon lange Zeit auch Raum für kleinere Hersteller mit durchaus interessanten und konkurrenzfähigen Produkten. Certo gehört dazu: ein Hersteller, der vom frühen Plattenkamera-Handwerk über elegante Kleinbild-Faltkameras bis hin zu DDR-Seriengeräten einen langen Weg gegangen ist – und dabei immer wieder mit durchdachten Lösungen und bemerkenswert hoher Fertigungsqualität auffiel.
Von der Werkstatt zum Markenname „Certo“
Die Wurzeln reichen in das Jahr 1902 zurück: In Dresden-Johannstadt gründeten Alfred Lippert und Karl Peppel eine Werkstatt, in der zunächst vor allem Plattenkameras mit Holzgehäusen entstanden. Mit zunehmender Nachfrage entwickelte sich daraus ein Fabrikbetrieb; Firmierungen und Rechtsformen änderten sich mehrfach, typisch für viele wachsende Unternehmen dieser Zeit.
Bereits wenige Jahre nach der Gründung kam Bewegung in die Standortfrage: Aus Platzgründen wurde der Betrieb im Jahr 1905 nach Großschachwitz verlagert, das damals noch nicht zu Dresden gehörte (Eingemeindung erfolgte 1921). Parallel etablierte sich der Markenname „Certo“ als Warenzeichen, der ab 1906 auch zum Namen des Unternehmens wurde.
Ein schönes (und äußerst seltenes) Beispiel für die Produktideen jener Zeit ist die 1906 präsentierte „Damenkamera“ – äußerlich einer kleinen Handtasche ähnlich, mit edler Anmutung im Jugendstil-Design. Solche Modelle zeigen, dass Certo früh nicht nur Technik, sondern auch Gestaltung und Zielgruppen mitdachte. Gleich wohl sollte sich der Fokus in den kommenden Jahren auf den wirtschaftlich wichtigen Massenmarkt legen.

Leider nicht im Bestand des Sächsischen Kameramuseums befindet sich die „Damenkamera“ von 1906. Wer dieses seltene Exponat sehen möchte, wird aber in den Technischen Sammlungen der Stadt Dresden fündig (Abb.)
Zwischenkriegszeit: Industrialisierung und neue Produktlinien
In den 1910er- und 1920er-Jahren nahm der Export zu, und der Betrieb wandelte sich Schritt für Schritt: Holzgehäuse traten zunehmend hinter Metallkonstruktionen zurück; zudem gewann die Serienfertigung an Bedeutung.
1917 übernahm der Kaufmann Paul Zimmermann den Betrieb. Unter seiner Führung wurde die Strukturierung und Modernisierung des Programms weiter forciert. Aus dieser Zeit stammen verschiedene Platten- und Rollfilmkameras, die den zeitgenössigen Anforderungen Rechnung trugen. Exemplarisch für den Bereich der Rollfilmkameras ist die Certonet für den 120er Mittelformatfilm im Format 6 x 9 cm. Auch die Certofix (einschließlich der sehr ähnlichen Certotix und Certix) ähnelten diesem Modell in Konstruktion und Leistung. Ebenfalls in den 1920er-Jahren bot Certo eine Reihe Laufbodenkameras an, die sich konstruktiv ähnelten und im Wesentlichen die gefragten Formate von 6,5 x 9 cm bis 10 x 15 cm abdeckte. Exemplarisch sollen hier die Modellreihen Certoruf, Certolob und Certosport benannt werden. Certo bewegte sich damit in jenem klassischen Feld, in dem Dresden international einen Ruf hatte: solide Kameramechanik, zweckmäßige Konstruktionen und eine Fertigung, die auf den Alltagseinsatz ambitionierter Amateurfotografen ausgerichtet waren.
Der große Schritt zum Kleinbild: Dollina und Super Dollina
Mit 1935 beginnt das Kapitel, das Certo heute besonders bekannt macht: die Kleinbildkamera Dollina. Sie steht für den Übergang zu 35 mm – und damit für ein Format, das Fotografie mobiler, schneller und massentauglicher machte. Auch hier war Certo kein Trendsetter, sondern folgte einer Entwicklung, die ausgehend von der „Leica“ des Wetzlarer Unternehmens Ernst Leitz mittlerweile bei vielen Herstellern Verbreitung fand und zunehmende Marktanteile vorweisen konnte. Die „Dollina“ folge der Unternehmensstrategie, wertige und solide Kameras für anspruchsvolle Freizeitfotografen anzubieten, die preislich wettbewerbsfähig sind, auf einem Markt, der hart umkämpft ist. Mit der Dollina 2 folgte 1936 die Version mit gekuppeltem Messsucher, welcher auf das Gehäuse aufgesetzt war. Mit der Dollina 3 und schließlich der Super Dollina von 1938 folgten Kameras mit in das Gehäuse integrierten Messsuchern. Die Super Dollina wurde auch nach dem Krieg weiter gefertigt.
Parallel dazu weitete Certo das Programm aus: Ebenfalls ab 1935 begann die Fertigung von Vergrößerungsapparaten (etwa unter dem Namen „Certus“). Das passt ins Bild: Hersteller, die Kameras bauten, boten zunehmend auch Geräte für Dunkelkammer und Zubehör – ein ganzes Ökosystem rund um die Amateur- und ambitionierte Fotografie.
Auch jenseits des Kleinbildformats behielt Certo in den 1930er Jahren sein Kameraangebot bei. Weiterhin wurden Laufboden- und Faltkameras gefertigt. Für den 120er-Film soll die 1935 eingeführte Super Dolly Sport mit integriertem Messsucher nicht unerwähnt bleiben, die im gewissen Maße als Mittelformat-Pendant zur Dollina-Reihe verstanden werden darf.
Krieg, Neubeginn und der schwierige Übergang nach 1945
Wie viele Betriebe musste Certo ab 1940 die zivile Produktion unterbrechen und auf rüstungsrelevante Fertigung umstellen. Nach 1945 stand der Betrieb – trotz fehlender direkter Bombenschäden – durch Demontagen und Umbrüche wirtschaftlich unter enormem Druck. In Quellen wird sogar eine zeitweilige Behelfsproduktion (u. a. Zigarettenwickelmaschinen) erwähnt, bevor die Kameraproduktion wieder anlaufen konnte. Ab 1946 wurde die Super Dollina erneut gebaut – ein bemerkenswerter Neustart unter schwierigsten Bedingungen. Die Fertigung dieser Anfangszeit floss als Reparationsleistung in die Sowjetunion.
Die 1950er: Certo im DDR-Fotokosmos – Certo Six und Mittelformat
In den 1950er-Jahren zeigt sich Certo als Teil des ostdeutschen Kamerabau-Clusters – mit eigenen Lösungen und gleichzeitig enger Verzahnung mit Zulieferern (Objektive, Verschlüsse). Die nach dem Krieg wieder produzierte Super Dollina wurde 1951 durch die weiterentwickelte Super Dollina 2 abgelöst. Es handelte sich Anfang der 1950er-Jahre um die einzige Messsucherkamera der DDR. Paralell zur Super Dollina wurde die günstigere Durata (später Durata 2) angeboten, die auf einen Messsucher verzichtete.
Aber die wohl bekannteste Kamera dieser Phase ist die Certo Six: eine 6×6-Klapp-/Spreizenkamera für Rollfilm 120, mit gekoppeltem Messsucher und hochwertiger Ausstattung (z. B. Tessar 2,8/80, Zentralverschluss je Variante bis 1/500 sec, Parallaxenausgleich). Die neuere Forschung geht davon aus, dass die bereits auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1953 vorgestellte Kamera erst 1956 in die Serienfertigung überführt werden konnte. Während 1954 bis 1955 verhältnismäßig geringe Stückzahlen für den Export entstanden. [hierzu ausführlich: Kröger, Marko: Certo Six | zeissikonveb.de].

Die Rolle als Hersteller hochwertiger Kameras mit dem Anspruch der technischen Marktführerschaft blitzte nochmals (und letztmalig) 1963 mit der Certi auf. Diese Sucherkamera für das Kleinbildformat bot eine vollautomatische Belichtungssteuerung durch eine an den Belichtungsmesser gekuppelte Blendeneinstellung (heutige Bezeichnung wäre „Blendenautomatik“). Obwohl die Certi neben der doppelt so teuren und fehlerbehafteten Prakti des VEB Kamera- und Kinowerke Dresden eine der wenigen auf dem Ostmarkt verfügbaren Kameras mit Belichtungsautomatik war, wurde sie nur in geringen Stückzahlen gefertigt.
Teilverstaatlichung, VEB und die Jahre im Kombinat
Organisatorisch änderte sich nach 1950 vieles: Aus der Kapitalgesellschaft wurde 1953 eine OHG in familiärer Leitung durch Fritz von der Gönna (dem Enkel Paul Zimmermanns). Nach dessen Tod im Jahr 1959 übernahmen die Söhne Armin und Eckhard die technische und kaufmännische Leitung, mussten aber eine staatliche Beteiligung von 30 % akzeptieren, um die Rohstoff-, Material- und Kapitalausstattung des Werkes zu sichern.
Nach der Certo Six, deren Produktion Ender 1950er-Jahre eingestellt wurde, standen ab 1960 weitere Mittelformat-Modelle im Programm, die jedoch auf den Massenmarkt zielten – die (für ihre Gattung) außergewöhnlich hochwertig verarbeiteten Boxkameras Certo-phot und später Certina, die aus Kunststoff gefertigt wurden und in großen Stückzahlen auf dem Binnen- wie Exportmarkt angeboten wurden. Hervorzuheben aus dieser Bauart ist auch die Certo-matic (1960-65) mit gekoppeltem Nachführbelichtungsmesser, was für Boxkameras eine ungewöhnliche Ausstattung darstellt.

Ab April 1972 wurde Certo schließlich volkseigen und firmierte als VEB Certo-Kamerawerk Dresden; ab 1980 war der Betrieb dem Kombinat VEB Pentacon zugeordnet (juristisch zunächst noch eigenständig).
In dieser Phase verlagerte sich das Programm: Neben klassischen Kameras wurden vermehrt einfachere Sucherkameras hergestellt, die ab den 1970er Jahren die Produktpalette dominierten (z. B. KN 35, SL 100).
Das Ende als Kamerahersteller kam schrittweise: Bis Dezember 1982 liefen Certo-Kameras, danach wurde der Standort vor allem Zulieferbetrieb innerhalb des Kombinats. Zuletzt wurden im Certo-Werk die Exa 1b und 1c gefertigt, die konstruktiv aber ihre Wurzeln bei der Ihagee hatten, welche ebenfalls dem VEB Pentacon eingegliedert war. Als Betriebseinheit verschwand Certo in den 1980er-Jahren endgültig aus dem Kameramarkt.


Certo im Sächsischen Kameramuseum
Gerade die Mischung aus eleganten Vorkriegs-Kleinbildkameras und den späteren DDR-Geräten macht Certo museal interessant: Man kann an einem Hersteller sehr gut zeigen, wie sich Fotografie, Konsumkultur und Industrieorganisation über acht Jahrzehnte verändert haben.
Das SKM beherbergt eine Vielzahl an Modellen aus den verschiedenen Phasen der wechselhaften Unternehmensgeschichte. Neben Laufbodenkameras der ersten Jahrzehnte (z.B. Certolob, Certofix) liegt ein Schwerpunkt der Sammlung auf den (Mess)Sucherkameras im Kleinbildformat; u.a. die Dollina 0, Dollina 1 und die recht seltene Dollina 3 repräsentieren die Vorkriegsentwicklung, während u. a. mit Super Dollina 2 und Durata Modelle der frühen DDR-Zeit präsentiert werden. Im Mittelformat sind als besondere Exponate die Super Dolly Sport von 1936 und natürlich die Certo Six erwähnenswert. Auch die vollautomatische Certi von 1963 ist Teil des Museumsbestands. Die Modelle für den DDR-Massenmarkt (z.B. Certo-phot und die SL-Reihe) zeigen die ab den 1960ern eingenommene Rolle des Unternehmens. Abgerundet wird die Sammlung durch die Exa 1c, die zwar bei Certo gefertigt wurde, jedoch keine Eigenentwicklung der Firma war.