Certo Six – Dresdner Spitzentechnik im 6×6-Klappformat

Wenn man über Mittelformat-Klappkameras der 1950er-Jahre spricht, fallen oft Balda (Bünde) und Voigtländer. Die Certo Six verdient dabei einen eigenen Platz – nicht als Kopie westlicher Vorbilder, sondern als erstaunlich moderne Konstruktion aus Dresden: kompakt zu transportieren, robust gebaut und mit einer Ausstattung, die im DDR-Alltag wie auch für den Export gedacht war.

Entstehung: Von der „Certo-Super-Six“ zur Certo Six

Die Kamera wurde 1953 erstmals als „Certo-Super-Six“ auf der Leipziger Herbstmesse vorgestellt. In der zeitgenössischen Berichterstattung taucht außerdem der Konstrukteur namentlich auf: Erhard Hempel. Zugleich ist aus der damaligen Berichterstattung zu erfahren, dass die frühe Fertigung zunächst stark exportorientiert geplant war.

Spannend ist der Blick auf die tatsächliche Stückzahlentwicklung: Eine Quelle mit sehr detaillierter Objektiv-/Lieferlogik geht davon aus, dass eine wirkliche Großserienfertigung der Certo Six erst ab 1956 in Gang kam. Dies wird durch die bekannten Auslieferungszahlen des VEB Carl Zeiss Jena für das Tessar-Objektiv untermauert (vgl. hierzu auch Thiele, Hartmut, 2021). Auf jeden Fall ist davon auszugehen, dass die Certo Six

Grundkonzept: Klapp-/Spreizenkamera im Format 6×6 für den Rollfilm 120

Die Certo Six ist eine 6×6-Kamera für Rollfilm 120 (12 Aufnahmen pro Film) mit Zentralverschluss. Zusammengeklappt wirkt sie erstaunlich flach; geöffnet arbeitet sie als klassische Spreizenkamera mit stabilen Streben, jedoch mit moderneren Bedienideen als viele Vorkriegs-Falter.

Eckdaten der Certo Six:

  • Format: 6×6 cm auf 120er Rollfilm
  • Abmessungen: ca. 146 × 103 × 54 mm (geschlossen)
  • Gewicht: ca. 880 g
  • Sucher: gekuppelter Messsucher, mit Parallax-Korrektur

Die „Alleinstellungsmerkmale“: Messsucher, Parallaxausgleich, Schnelltransport

Die Certo Six war die am weitesten entwickelte Mittelformat-Faltkamera der DDR-Industrie, die sich deutlich von den Produkten der ostdeutschen Mitbewerber, wie z.B. Zeiss Ikon (Erkona), Belca (Belfoca), Beier (Precisa), abhob.

Gekuppelter Messsucher – und Parallaxkorrektur

Die Certo Six besitzt einen gekoppelten Messsucher – also Entfernungsmessung über das Sucherbild, gekoppelt mit der Fokussierung. Zusätzlich wird ein automatischer Parallaxausgleich genannt: Je nach Entfernung wird der Strahlengang bzw. die Sucher-/Optikeinstellung so nachgeführt, dass der Bildausschnitt besser zur tatsächlichen Aufnahme passt – ein Komfortmerkmal, das man bei vielen Faltern dieser Klasse nicht selbstverständlich findet.

Fokussierungshebel an der Unterseite

Charakteristisch (und beim ersten Anfassen ungewohnt) ist die Entfernungseinstellung über einen großen Hebel an der Unterseite bzw. am Kamerabett. Genau dieser Bedienweg wird in der Fachbetrachtung auch kritisch erwähnt, weil Federspannung und Mechanik den Hebel teils „kräftig“ machen können – zugleich ist es aber ein typisches Erkennungsmerkmal der Certo Six.

Filmtransport per Hebel – mit Doppelbelichtungssperre

Statt Drehknopf, wie bei der Super Dollina 2, arbeitet die Certo Six mit einem Schnelltransporthebel. Dazu kommt eine Doppelbelichtungssperre. Zusätzlich besitzt die Kamera einen Filmanzeige-/Film-Präsenz-Indikator: Ein kleines Taster-/Hebelteil im Filmkanal erkennt, ob tatsächlich Film eingelegt ist, und meldet das über ein Sichtfenster.

Objektive und Verschlüsse: Tessar, Primotar – Compur, Prontor, Tempor

Am häufigsten findet man die Certo Six mit dem Carl Zeiss Jena Tessar 1:2,8/80 mm. Dieses Objektiv ist nicht nur lichtstark fürs Mittelformat, sondern gilt auch als sehr leistungsfähig und scharfzeichnend. Neben dem Tessar sind auch einige Kameras mit Meyer Primotar 3,5/80 bekannt.

Je nach Ausführung wurden unterschiedliche Zentralverschlüsse verbaut. Eine gut strukturierte Bedienungsanleitung (Tabellenangaben) nennt:

  • Synchro-Compur MX bis 1/500 s (mit M/X-Sync und Selbstauslöser)
  • Prontor SVS bis 1/300 s (mit M/X-Sync und Selbstauslöser)
  • Tempor bis 1/250 s (X-Sync; Selbstauslöser je nach Version)

Das hier dargestellte Museumsexemplar ist mit dem häufig anzutreffenden Tempor-Verschluss ausgestattet, welcher zumindest bei den Kameras für den Binnenmarkt weit überwiegend Verwendung fand.

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