Eines vorab: Das hier vorgestellte Exponat ist keine Besonder- oder gar Seltenheit! Die Welta Watson (9×12) ist eine klassische deutsche Laufboden-Plattenkamera der 1920/30er Jahre und steht beispielhaft für die solide, praxisorientierte Konstruktion der Zwischenkriegszeit, die technisch ausgereift gehobenen Anforderungen an die Fotografie gerecht wurde. Hergestellt wurde sie von den Welta Kamera-Werken in Freital (südlich von Dresden), die ein breites Programm an Platten-, Rollfilm- und später Kleinbildkameras anboten. Der herstellungszeitraum kann grob auf Mitte der 1920er bis Mitte der 1930er eingegrenzt werden. Beim gezeigten Exemplar kann anhand der Seriennummer des Objektivs eine Herstellung 1928 oder 1929 angenommen werden.
Format und Aufnahmematerial
Die hier gezeigte Kamera ist für Platten im Format 9×12 cm ausgelegt. Verwendet wurden Glasplatten in entsprechenden Kassetten, alternativ – je nach Ausstattung – auch Planfilmkassetten späterer Bauart. Das Format bot eine hohe Detailauflösung und eignete sich sowohl für Landschafts- als auch für Architektur- und Porträtaufnahmen. Vor allem bot das 9×12-Format dem Hobbyfotografen die Möglichkeit, vom Negativ ansprechend große Kontaktabzüge zu fertigen. Aus diesem Grund blieb diese Kamerabauart bis weit in die 1930er-Jahre durchaus populär, obwohl kleinere Aufnahmeformate verfügbar und zusehends erschwinglich wurden. Welta bot die Watson parallel in den Formaten 6,5 x 9 cm und 10 x 15 cm an. Während Exemplare im kleinen Format häufig anzutreffen sind, findet man die 10×15-Ausführung deutlich seltener, da Amateure weniger zu der in Anschaffung und Betrieb merklich teureren Variante griffen.
Die Filmkassetten werden rückseitig eingesetzt; zum Fokussieren dient eine Mattscheibe, die durch einen Federrahmen gehalten wird und gegen die Kassette ausgetauscht wird. Die Aufnahme entsprach dem sogenannten Contessafalz. Tatsächlich waren die rückseitigen Einschübe für Plattenhalter und Mattscheibe damals nicht einheitlich genormt, sodass diese Teile nicht zwingend zwischen Kameras verschiedener Hersteller tauschbar waren.
Gehäuse und Mechanik
Das Gehäuse besteht aus einem stabilen Metallkorpus mit schwarzer Belederung. Der klappbare Laufboden ist über seitliche Streben geführt und rastet präzise ein. Diese Konstruktion sorgt für die notwendige Parallelität zwischen Objektiv- und Filmebene.
Der Balgen ist aus lichtdichtem, mehrfach gefalztem Leder gefertigt und erlaubt einen ordentlichen Auszug, ausreichend für Normal- und leichte Telebrennweiten im 9×12-Format. Die Watson verfügt über einen doppelten Auszug der Nahaufnahmen ermöglicht und bauarttypisch über einen Zahntrieb akkurat einstellbar ist. Die Frontstandarte ist vertikal und horizontal verstellbar („tilt & shift“).
Objektivausstattung
In der Regel wurden diese Kameras mit Normalobjektiven um 135 mm Brennweite ausgeliefert, passend zum Bildkreis des 9×12-Formats. Kadlubek benennt für die Watson 9×12 Trinar-, Eurynar-, Dialytar- und Xenar-Objektive mit einer Brennweite von 13,5 cm und einer Offenblende 1:4,5. Das hier gezeigte Exemplar des Sächsischen Kameramuseums ist hingegen mit einem Steinheil Unofokal ausgestattet, dessen leicht verlängerte Brennweite von 15 cm insbesondere für Portraits von Vorteil war. Grundsätzlich zeigt sich darin die damals nicht nur bei Welta übliche Vielfalt an Ausstattungsvarianten. Die vorgenannte Aufzählung ist daher auch nicht als abschließend zu erachten – insbesondere in Anbetracht des rund 10-jährigen Herstellungszeitraums.
Verschluss
Die hier gezeigte Kamera ist mit einem Compur-Verschluss (1 sec bis 1/200 sec) der Firma Deckel (München) ausgestattet. Grundsätzlich wurde die Watson auch mit anderen Zentralverschlüssen angeboten, z.B. dem Ibsor (Gauthier Calmbach).
Die Auslösung erfolgt entweder direkt am Verschluss oder über einen Drahtauslöser.
Sucher und Einstellhilfen
Neben der Mattscheibe verfügt die Welta Watson über:
- einen Brillantsucher für das grobe (und schnelle) Anvisieren,
- eine Wasserwaage zur exakten Ausrichtung,
- einen ausklappbaren Sport-Rahmensucher für „schnelle Schüsse“.
Einordnung des Exponats
Das Exemplar der Welta Watson 9×12 im Kameramuseum zeigt anschaulich den konstruktiven Stand der (mittel)deutschen Plattenkameratechnik der 1920/30er Jahre. Gerade durch ihre sachliche, funktionsorientierte Gestaltung ist die Welta Watson ein aussagekräftiges Arbeitsgerät ihrer Zeit – technisch ausgereift, mit einem Funktionsumfang für gehobene Anforderungen. Mit einem Preis zwischen ca. 90 und 100 Reichsmark (Stand Anfang der 1930er Jahre) war für die Watson (9×12) in etwa der dreifache Betrag einer einfachen Mittelformat-Faltkamera auf den Ladentisch zu legen. Welta produzierte zu dieser Zeit auch für Drittanbieter, sodass die Watson häufig ohne Herstellerbezeichnung, bzw. mit Handelsmarken versehen, anzutreffen ist. Das Exponat gibt sich hingegen durch die Einprägung des Markenzeichens auf dem Mattscheibenrückteil klar als Welta-Kamera aus.