Der Dresdener Hersteller Franz Kochmann ist in erster Linie für seine Kameras mit der Bezeichnung „Korelle“ bekannt. Insbesondere die Reflex-Korelle, aber auch verschiedene wertige Klappkameras haben zur Popularität des Namens „Korelle“ beigetragen. Darüber gerät ein wenig in Vergessenheit, dass der Hersteller in den ersten 10 Jahren seines Bestehens ebenfalls qualitativ wertige Platten- und Rollfilmkameras hergestellt hat. Diese trugen aber die Bezeichnung „Enolde“.

Ein typisches Beispiel für diese Produktionslinie ist die hier gezeigte Enolde, eine Laufbodenkamera für das verbreitete Plattenformat 9 × 12 cm. Leider ist die Quellenlage zu den Plattenkameras der Firma Kochmann dürftig. Zeitlich einordnen lassen sich diese Produkte in die ersten 10 Jahre des Bestehens der Firma ab 1921 bis Anfang der 1930er Jahre. Das hier gezeigte Exemplar lässt sich anhand der Objektivnummer mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Jahre 1928/1929 bestimmen. [Hinweis hierzu: Das Objektiv wurde laut Schneider Kreuznach im Jahr 1928 gefertigt. Der Zeitraum der Auslieferung und Verwendung bei Kochmann ist uns jedoch nicht bekannt.]
Der Klassifikation nach Kadlubek folgend handelt es sich beim dargestellten Modell mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Enolde A [Kadlubek: KOC0075]. Hierzu ist jedoch anzumerken, dass die Einordnung nach Sammlerliteratur nicht zwingend einer zeitgenössischen Klassifikation der Modelle entsprechen muss.
Konstruktion und Gehäuse
Die hier gezeigte Enolde 9×12 ist als klassische Laufbodenkamera konstruiert. Das Gehäuse besteht bereits aus einem Metallkorpus, der mit Leder bezogen ist. Die ersten Plattenkameras der Firma waren hingegen noch mit einem Holzgehäuse versehen.

Der klappbare Laufboden bildet nach dem Öffnen eine stabile Führung für die Frontstandarte. Diese wird über eine Zahnstange präzise vor- und zurückbewegt, wodurch sich der Fokus einstellen lässt. Die Konstruktion entspricht damit dem etablierten Standard der Zeit, wie er auch bei vielen zeitgenössischen Plattenkameras anderer Dresdner Hersteller zu finden ist. Die Enolde 9×12 in der vorliegenden Ausführung verfügt über einen doppelten Auszug, was Nahaufnahmen ermöglichte. Es sind auch Enolde-Modelle bekannt, die nur einen einfachen Auszug anboten.
Die Standarte ermöglicht dem Nutzer eine vertikale und horizontale Verschiebung der Optik zur Aufnahmeebene, was insbesondere für Architekturaufnahmen hilfreich war.

Objektiv und Verschluss
Die Enolde wurde in verschiedenen Ausstattungsvarianten angeboten. Objektive und Verschlüsse kaufte Kochmann (wie die meisten kleineren Kamerahersteller) von Fremdfirmen zu. Beim Museumsexemplar wurde ein Schneider Kreuznach Xenar mit der Brennweite von 13,5 cm und einer Offenblende von 1:4.5 verbaut, was in der damaligen Zeit als höherwertige Bestückung einzustufen war. In unserem Modell ist ein IBSOR-Verschluss der Firma Gauthier verbaut. Dieser bildete neben Langzeitbelichtung (B und T) die Zeitenreihe von 1 bis 1/100 Sekunde ab.

Sucher- und Fokussiersystem
Die Enolde verfügt über einen optischen Rahmensucher beziehungsweise und einen Brillantsucher mit Libelle, der sowohl Hoch- als auch Querformat unterstützt. Durch eine einfache Drehbewegung lässt sich der Sucher entsprechend ausrichten.
Die eigentliche Scharfstellung erfolgt über die bauarttypische Skalenfokussierung: Der Fotograf stellt die Entfernung am Laufboden ein, wobei eine Skala auf dem Laufboden als Orientierung dient.
Für präzisere Einstellungen – etwa bei Nahaufnahmen – wurde natürlich das Mattscheibenrückteil verwendet.

Einordnung des Modells
Die Modellbezeichnung „Enolde“ findet sich bei Kochmann für alle bekannten Kameras bis zur Einführung der Bezeichung „Korelle“ im Jahr 1931. In dieser Zeit scheint auch die Fertigung von Plattenkameras bei Kochmann ausgelaufen zu sein. Neben den Plattenkameras im Format 9 x 12 cm wurden auch Modelle für das kleinere Format 6,5 x 9 cm angeboten.
Die Dresdner Kameraindustrie war in dieser Zeit stark exportorientiert. Auch Kochmann lieferte seine Kameras in zahlreiche europäische Länder sowie nach Übersee. Die vergleichsweise solide Verarbeitung bei moderaten Preisen machte Modelle wie die Enolde besonders für ambitionierte Amateurfotografen attraktiv. Darüber hinaus produzierte Kochmann nicht nur im eigenen Namen, sondern belieferte auch große Handelsfirmen, die diese Kameras ohne Herstellerbezeichnung oder unter eigenem Namen anboten. Dokumentiert ist dies im Falle der 9×12-Enolde insbesondere für Photo Porst. Auch unser Exponat weist keinerlei Hinweise auf den Hersteller auf.