Balda / Belca – Kameras für ein breites Publikum

Balda / Belca – Kameras für ein breites Publikum

Die Firma Balda gehörte über viele Jahrzehnte zur vielfältigen Dresdner Kameraindustrie. Vor allem war das Unternehmen für erschwingliche Kameras für den Amateurmarkt bekannt. Die Geschichte des Herstellers spiegelt zugleich die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts wider – von der privaten Manufaktur über Enteignung und Volkseigentum bis hin zur späteren Neugründung des Unternehmens in Westdeutschland.

Das Deckblatt zum Sonderprospekt anlässlich des 30-jährigen Firmenbestehens 1938 zeigt die Super Baldina in ihrer 2. Ausführung.

Gründung und frühe Entwicklung

Gegründet wurde das Unternehmen im November 1908 in Laubegast bei Dresden (seit 1921 nach Dresden eingemeindet) durch den Mechaniker Max Baldeweg. Zunächst firmierte der Betrieb als „Fabrik photographischer Artikel Max Baldeweg“. Die Produktion konzentrierte sich anfangs noch nicht auf komplette Kameras, sondern auf fotografisches Zubehör. Unter den frühen Produkten Baldewegs ist der „Triumph“-Jalousieverschluss hervorzuheben, mit dem Reise- und andere Kameras nachgerüstet werden konnten. Auch Filmhalter bzw. -kassetten und Zeitauslöser wurden durch das Unternehmen gefertigt.

Der Markenname „Balda“ wurde 1913 eingetragen und entwickelte sich bald zum eigentlichen Firmenkennzeichen. Mit wachsender Nachfrage expandierte der Betrieb in den folgenden Jahren. Die Serienproduktion eigener Kameras wurde jedoch erst 1925 aufgenommen und richtete sich gezielt an eine wachsende Zielgruppe: den fotografierenden Amateur. Besonders einfache Boxkameras und kompakte Faltkameras sollten vor allem junge Menschen für die Fotografie begeistern.

Kameras für ein breites Publikum

Die Produkte aus dem Hause Balda zeichneten sich in der Regel durch zwei Merkmale aus: eine vergleichsweise einfache Bedienung und einen moderaten Preis. Damit unterschieden sie sich von vielen technisch aufwendigeren Modellen anderer Dresdner Hersteller. Das Portfolio der Balda-Werke ähnelt in vielen Punkten dem lokalen Mitbewerbern Certo und Welta, mit der Einschränkung, dass bei Balda das Segment der Boxkameras stärker ausgeprägt war. Hier wurden ab Mitte der 1920er Jahre mehrere Modellreihen auf den Markt gebracht, die parallel gefertigt und vertrieben wurden. Einige bekannte Beispiele sind Poka, Rollbox und Frontbox (alle im Format 6 x 9 cm) sowie Micky (4 x 6,5 cm auf 127er-Film).

Einen wichtigen Schritt stellte die Einführung der Kleinbildkamera Baldina im Jahr 1935 dar. Sie nutzte das heute klassische Aufnahmeformat von 24 × 36 mm und war mit Objektiven renommierter Hersteller wie Zeiss und Schneider-Kreuznach ausgestattet. Mit der kompakten Kleinbild-Sucherkamera mit Balgenkonstruktion griff Balda ein Prinzip auf, dass auch bei anderen Herstellern erfolgreich umgesetzt wurde. Die wohl bekannteste Vertreterin dieser Bauart war die Kodak Retina aus dem vormaligen Nagel-Werk (Stuttgart). 1936 folgte die Super Baldina, die technisch weiterentwickelt war und einen gekuppelten Entfernungsmesser aufwies. Zum 30-jährigen Firmenjubiläum erschien 1938 außerdem die Balda Jubilette – im Grunde eine etwas vereinfachte und preisgünstigere Version der Baldina.

Diese Kameras zeigen deutlich die Position des Unternehmens im Markt: Balda produzierte keine luxuriösen Spezialkameras, sondern solide Geräte für eine breite Käuferschicht.

Kriegszeit und Zerstörung

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs musste auch das Balda-Werk seine Produktion umstellen. Die Herstellung ziviler Kameras wurde eingestellt und durch Rüstungsfertigung ersetzt, in erster Linie Messtechnik für die Luftwaffe.

Während der Luftangriffe auf Dresden wurde das Werk schwer beschädigt. Nach Kriegsende begann zwar ein Wiederaufbau, doch zunächst konnten keine Kameras produziert werden. In der unmittelbaren Nachkriegszeit fertigte der Betrieb daher einfache Alltagsgegenstände.

Enteignung und Neuanfang nach 1945

Die politischen Veränderungen nach dem Krieg führten zu einem tiefen Einschnitt. Der Firmengründer Max Baldeweg und der Direktor Willibald Lauterbach verließen Dresden und gründeten das Unternehmen später im westfälischen Bünde neu.

Der Dresdner Betrieb dagegen wurde im Juni 1946 enteignet und in die volkseigene Industrie der DDR überführt und der Industrieverwaltung 24 OPTIK unterstellt. In den folgenden Jahren wechselte der Betrieb mehrfach seine Bezeichnung, unter anderem als „MECHANIK Balda-Werk VEB Dresden“. Der Name Balda wurde, um Namensstreitigkeiten mit dem in Bünde (BRD) gegründeten Unternehmen zu vermeiden 1951 aufgegeben. Fortan führte der Betrieb die Bezeichnung OPTIK Belca-Werk VEB Dresden. Der Erzeugnisse wurden unter der Marke Belca vertrieben. Weite Verbreitung fand die aus der Baldina entwickelte Klappkamera Beltica für den Kleinbildfilm. Ebenfalls in großen Stückzahlen wurde die Belfoca als klassische Mittelformat-Faltkamera hergestellt. Sie hat ihre unverkennbaren Wurzeln in der Balda Juwella hat.

Durchaus gefragt waren in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre Faltkameras für das Mittelformat. Der VEB Belca bespielte dieses Segment mit dem Modell Belfoca, das in verschiedenen Ausführungen angeboten wurde [Abb.: Belfoca 1 aus dem Museumsbestand].

Besonders hervorzuheben ist die Belplasca aus dem Jahr 1953. Diese Kamera war eine Stereokamera, die gleichzeitig zwei leicht versetzte Bilder im Format 24 x 24 mm aufnahm. Beim Betrachten mit einem Stereobetrachter entstand dadurch ein räumlicher Bildeindruck. Passend zur Kamera wurde auch der Diaprojektor Belpascus angeboten. Das System erregte in den 1950er-Jahren große Aufmerksamkeit, blieb aber ein interessantes Nischenprodukt.

Im Jahr 1956 ging das Belca-Werk vollständig im VEB Kamera-Werke Niedersedlitz auf.

Bedeutung innerhalb der Dresdner Kameraindustrie

Balda war nie der größte Kamerahersteller Dresdens, spielte jedoch eine wichtige Rolle im breiten Geflecht der sächsischen Fotoindustrie. Die Firma trug dazu bei, Fotografie auch für Einsteiger und Amateurfotografen erschwinglich zu machen. Besonders die einfachen Rollfilm- und Kleinbildkameras fanden über viele Jahre ein großes Publikum.

Darüber hinaus zeigt die Geschichte des Unternehmens exemplarisch, wie eng technische Entwicklung und politische Rahmenbedingungen miteinander verbunden waren. Der Übergang von der privaten Firma zum volkseigenen Betrieb und schließlich die Fortführung des Namens in Westdeutschland spiegeln die Teilung Deutschlands nach 1945 wider.

Auch das Ende der Eigenständigkeit im Jahr 1956 durch Eingliederung in die Kamera-Werke (KW) steht exemplarisch für einen Prozess, der sich in den folgenden Jahren in der Branche fortsetzen sollte und zu einer Konzentration  der sächsischen Fotoindustrie im VEB Pentacon und letztlich der mitteldeutschen Foto- und Optikindustrie im VEB Carl Zeiss Jena führte.

Balda / Belca im Sächsischen Kameramuseum

Im Bestand des SKM finden sich zahlreiche Exponate aus den verschiedenen Phasen der Unternehmensgeschichte. Für die Anfangsjahre steht der Jalousieverschluss „Triumpf“. Verschiedene Ausführungen der Mittelformatkamera „Juwella“ sowie der Kleinbildkamera „Baldina“ spiegeln die Tätigkeit Baldas vor dem 2. Weltkrieg wider. Die Bandbreite der Exponate reicht von simplen Boxkameras (z.B. „Frontbox“) bis zur anspruchsvollen Super Baldina von 1936.

Die Unternehmensgeschichte der Nachkriegszeit dokumentieren Massenkameras wie die Beltica, Belfoca 1 und Belfoca 2 gleichermaßen wie die recht seltene Stereokamera Belplasca einschließlich des noch selteneren Projektors Belpascus.

Auch einige Kameras der im westfälischen Bünde ansässigen Balda AG befinden sich im Fundus, so z.B. die Mess-Baldix als Porst HAPO 66E. Diese Kameras dokumentieren die Entwicklung, die das vormals mitteldeutsche Unternehmen nach Neugründung in der BRD nahm, sind aber nicht mehr dem Kamerabau an der Elbe zuzurechnen.

Belca-Werk Dresden (VEB) – Belfoca I mit Bonotar / Priomat

Belca-Werk Dresden (VEB) – Belfoca I mit Bonotar / Priomat

Mit der Belfoca I brachte das Dresdner Belca-Werk 1952 eine einfache und zugleich vielseitige Rollfilmkamera für Amateurfotografen auf den Markt. Die Belfoca I entstand in einer Zeit des Wiederaufbaus der Fotoindustrie in Dresden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das frühere Balda-Werk verstaatlicht und als VEB Belca-Werk Dresden weitergeführt. Aus dieser Tradition heraus entwickelte sich eine Reihe preisgünstiger Kameras für den breiten Amateurmarkt – darunter auch die Belfoca-Modelle.

Konstruktion

Die Kamera gehört zu den klassischen Klapp- beziehungsweise Spreizenkameras jener Zeit: Im zusammengeklappten Zustand ist sie kompakt und geschützt, für die Aufnahme wird die Frontklappe geöffnet und der Balgen entfaltet sich.

Die Belfoca I arbeitet mit 120er Rollfilm und ermöglicht zwei Aufnahmeformate:

  • 6 × 9 cm für acht Aufnahmen pro Film
  • 6 × 6 cm für zwölf Aufnahmen, wenn eine entsprechende Bildmaske eingesetzt wird.

Damit bot die Kamera eine gewisse Flexibilität, ohne dass der Fotograf auf eine andere Kamera wechseln musste.

Technik und Ausstattung

Die Belfoca I ist schlicht und zweckmäßig konstruiert. Ausgelegt auf das 6×9-Format ist die Kamera mit einem dreilinsigen 105mm-Objektiv versehen. Das hier gezeigte Exemplar ist mit dem Bonotar 105 mm / 1:4.5 des Herstellers Feinmess Dresden ausgestattet. Alternativ kam bei der Belfoca auch das Meritar 105 mm / 1.4.5 der Firma Ernst Ludwig aus Weixdorf bei Dresden zum Einsatz. Auch das lichtschwächere Feinmess Bonar 105 mm / 1:6.3 kam in der Belfoca zum Einsatz.

Das Museumsexemplar verfügt über einen Zentralverschluss „Priomat“ des VEB Zeiss Ikon. Der selbstspannende Verschluss bietet drei Zeiten (1/25, 1/50, 1/100) und die Langzeitbelichtung (B) an. Die Belfoca wurde auch mit weiteren Verschlussmodellen der Baugröße 0 ausgestattet, die sich im Leistungsspektrum ähnelten (i.d.R. Selbstspanner mit 3 Zeiten + B), z.B. Junior oder Binor (beide Gebr. Werner Tharandt). Als höherwertige Ausstattung wurde die Belfoca I auch mit dem Spannverschluss „Tempor“ (VEB Zeiss Ikon) angeboten, der eine erweiterte Zeitenreihe bis 1/250 sec. anbot.

Das Museumsexemplar ist mit dem Bonotar 105 mm / 4.5 und dem Priomat-Verschluss ausgestattet.

Für die Nutzung eines Stativs besitzt die Kamera ein 3/8-Zoll-Stativgewinde, sodass auch längere Belichtungszeiten möglich waren.

Bedienung

Der Filmtransport der Belfoca I erfolgt über ein Metallrad auf der linken Oberseite des Kameragehäuses. Die Kontrolle erfolgt über zwei Rotfenster entsprechend des gewählten Filmformats 6×6 oder 6×9 auf der Kamerarückseite. Die Fenster werden vor Lichteinfall durch Schiebeklappen gesichert.

Das doppelte Positionsfenster für den manuellen Filmtransport trägt den beiden wählbaren Formaten Rechnung. Die hier zu sehende Kennzeichnung „6×9“ am unteren Fenster wurde nachträglich eingeritzt.

Die Motivauswahl erfolgt durch einen einfachen Rahmen-Klappsucher ohne optische Elemente. Der Sucherausschnitt kann durch einen kleinen Hebel am Sucher auf das quadratische 6×6-Format beschränkt werden.

Der einfache Rahmensucher kann mit einem kleinen Hebel (links am Sucherrahmen erkennbar) von 6×9 auf 6×6 umgestellt werden. Im Beispielbild ist die 6×6-Sucherbegrenzung aktiviert.

Die Belfoca I verfügt nicht über eine Doppelbelichtungssperre. Der Auslöseknopf mit integriertem Drahtauslöseranschluss ist auf der Gehäuseoberseite (rechts) positioniert. Die Scharfstellung erfolgt durch einen Drehring direkt am Objektiv, ebenso die Auswahl der Blende.

Die wesentlichen Bedienelemente wurden auf der Gehäuseoberseite angeordnet, v.l.n.r.: Auslöser, Klapprahmensucher, Entriegelung des Faltmechanismus und Transportrad.

Einordung des Modells

Mit der Belfoca brachte Belca (vormals Balda) 1952 eine einfache Rollfilmkamera auf den Markt, die an die Konstruktionen der Vorkriegsjahre anknüpfte. Mit ähnlichen konstruktiven Merkmalen bot Balda bereits in den 1930er Jahren die Juwella (ebenfalls 6×9 und 6×6), die allerding noch nicht über einen Gehäuseauslöser verfügte.

In den 1950er-Jahren kam den Mittelformat-Faltkameras noch eine erhebliche Marktbedeutung zu, die allerdings in der 2. Hälfte des Jahrzehnts erheblich nachließ – insbesondere zugunsten der Kleinbildfotografie. 1955 legte Belca mit der Belfoca II ein Nachfolgemodell auf, dass sich im Wesentlich durch den in der Gehäusekappe integrierten optischen Sucher von der Belfoca I abhob.

Kochmann Enolde – Plattenkamera im Format 9×12

Kochmann Enolde – Plattenkamera im Format 9×12

Der Dresdener Hersteller Franz Kochmann ist in erster Linie für seine Kameras mit der Bezeichnung „Korelle“ bekannt. Insbesondere die Reflex-Korelle, aber auch verschiedene wertige Klappkameras haben zur Popularität des Namens „Korelle“ beigetragen. Darüber gerät ein wenig in Vergessenheit, dass der Hersteller in den ersten 10 Jahren seines Bestehens ebenfalls qualitativ wertige Platten- und Rollfilmkameras hergestellt hat. Diese trugen aber die Bezeichnung „Enolde“.

Ein typisches Beispiel für diese Produktionslinie ist die hier gezeigte Enolde, eine Laufbodenkamera für das verbreitete Plattenformat 9 × 12 cm. Leider ist die Quellenlage zu den Plattenkameras der Firma Kochmann dürftig. Zeitlich einordnen lassen sich diese Produkte in die ersten 10 Jahre des Bestehens der Firma ab 1921 bis Anfang der 1930er Jahre. Das hier gezeigte Exemplar lässt sich anhand der Objektivnummer mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Jahre 1928/1929 bestimmen. [Hinweis hierzu: Das Objektiv wurde laut Schneider Kreuznach im Jahr 1928 gefertigt. Der Zeitraum der Auslieferung und Verwendung bei Kochmann ist uns jedoch nicht bekannt.]

Der Klassifikation nach Kadlubek folgend handelt es sich beim dargestellten Modell mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Enolde A [Kadlubek: KOC0075]. Hierzu ist jedoch anzumerken, dass die Einordnung nach Sammlerliteratur nicht zwingend einer zeitgenössischen Klassifikation der Modelle entsprechen muss.

Konstruktion und Gehäuse

Die hier gezeigte Enolde 9×12 ist als klassische Laufbodenkamera konstruiert. Das Gehäuse besteht bereits aus einem Metallkorpus, der mit Leder bezogen ist. Die ersten Plattenkameras der Firma waren hingegen noch mit einem Holzgehäuse versehen.

Einfache Spreizen halten den Laufboden am Metallkorpus des Enolde.

Der klappbare Laufboden bildet nach dem Öffnen eine stabile Führung für die Frontstandarte. Diese wird über eine Zahnstange präzise vor- und zurückbewegt, wodurch sich der Fokus einstellen lässt. Die Konstruktion entspricht damit dem etablierten Standard der Zeit, wie er auch bei vielen zeitgenössischen Plattenkameras anderer Dresdner Hersteller zu finden ist. Die Enolde 9×12 in der vorliegenden Ausführung verfügt über einen doppelten Auszug, was Nahaufnahmen ermöglichte. Es sind auch Enolde-Modelle bekannt, die nur einen einfachen Auszug anboten.

Die Standarte ermöglicht dem Nutzer eine vertikale und horizontale Verschiebung der Optik zur Aufnahmeebene, was insbesondere für Architekturaufnahmen hilfreich war.

Rechts erkennbar: Das Rad für das Ausfahren des zweiten Balgenauszugs.

Objektiv und Verschluss

Die Enolde wurde in verschiedenen Ausstattungsvarianten angeboten. Objektive und Verschlüsse kaufte Kochmann (wie die meisten kleineren Kamerahersteller) von Fremdfirmen zu. Beim Museumsexemplar wurde ein Schneider Kreuznach Xenar mit der Brennweite von 13,5 cm und einer Offenblende von 1:4.5 verbaut, was in der damaligen Zeit als höherwertige Bestückung einzustufen war. In unserem Modell ist ein IBSOR-Verschluss der Firma Gauthier verbaut. Dieser bildete neben Langzeitbelichtung (B und T) die Zeitenreihe von 1 bis 1/100 Sekunde ab.

Das Museumsexemplar ist mit dem IBSOR-Verschluss von Gauthier und dem Xenar-Objektiv (13,5 cm/ 1:4.5) von Schneider Kreuznach ausgestattet.

Sucher- und Fokussiersystem

Die Enolde verfügt über einen optischen Rahmensucher beziehungsweise und einen Brillantsucher mit Libelle, der sowohl Hoch- als auch Querformat unterstützt. Durch eine einfache Drehbewegung lässt sich der Sucher entsprechend ausrichten.

Die eigentliche Scharfstellung erfolgt über die bauarttypische Skalenfokussierung: Der Fotograf stellt die Entfernung am Laufboden ein, wobei eine Skala auf dem Laufboden als Orientierung dient.

Für präzisere Einstellungen – etwa bei Nahaufnahmen – wurde natürlich das Mattscheibenrückteil verwendet.

Die Standarte dieser Version der Enolde kann vertikal und horizontal verstellt werden. Für „Schnellschüsse“ stehen dem Nutzer ein Sucherrahmen und ein Brillantsucher zur Verfügung.

Einordnung des Modells

Die Modellbezeichnung „Enolde“ findet sich bei Kochmann für alle bekannten Kameras bis zur Einführung der Bezeichung „Korelle“ im Jahr 1931. In dieser Zeit scheint auch die Fertigung von Plattenkameras bei Kochmann ausgelaufen zu sein. Neben den Plattenkameras im Format 9 x 12 cm wurden auch Modelle für das kleinere Format 6,5 x 9 cm angeboten.

Die Dresdner Kameraindustrie war in dieser Zeit stark exportorientiert. Auch Kochmann lieferte seine Kameras in zahlreiche europäische Länder sowie nach Übersee. Die vergleichsweise solide Verarbeitung bei moderaten Preisen machte Modelle wie die Enolde besonders für ambitionierte Amateurfotografen attraktiv. Darüber hinaus produzierte Kochmann nicht nur im eigenen Namen, sondern belieferte auch große Handelsfirmen, die diese Kameras ohne Herstellerbezeichnung oder unter eigenem Namen anboten. Dokumentiert ist dies im Falle der 9×12-Enolde insbesondere für Photo Porst. Auch unser Exponat weist keinerlei Hinweise auf den Hersteller auf.

VEB Kamerafabrik Freital – Beirette VSN

VEB Kamerafabrik Freital – Beirette VSN

Die Beirette VSN wurde 1974 durch den VEB Kamerafabrik Freital eingeführt und kann zur 2. Generation der Nachkriegs-Beirette gezählt werden. Wie es für die Kameraserie der Beirette charakteristisch war, konzentriert sich die einfache Kleinbild-Sucherkamera auf das fotografisch Notwendige. Ihre Steuerung erfolgt rein mechanisch. Die VSN ist eine vollmechanische 35-mm-Sucherkamera ohne Belichtungsmesser und ohne elektrische Komponenten. Design und Ausstattung waren darauf ausgelegten, dem fotografischen Laien mit einfacher Bedienung brauchbare Ergebnisse für die private Alltagsfotografie zu ermöglichen. Diese Ausrichtung auf den Massenmarkt spiegelt sich auch in der Produktionszahl von rund 1,8 Mio. Exemplaren wider.

Konstruktion und Gehäuse

Das Gehäuse misst rund 11 x 8 x 7 cm und wiegt etwa 260 Gramm. Das geringe Gewicht resultiert aus dem maßgeblichen Einsatz von Kunststoff in Verbindung mit Aluminium und einigen Metallelementen. Die Formgebung ist sachlich, nahezu kubisch, mit klar strukturierten Bedienelementen. Der gesamte Kameraaufbau ist – wie für die Beirette typisch – auf einfache Bedienbarkeit ausgerichtet.

Die Front wird vom fest verbauten Objektiv und dem verhältnismäßig großen Auslöser dominiert, flankiert von einem schlichten, aber großen und hellen Leuchtrahmensucher. Auf der Oberseite befinden sich Filmtransporthebel, Rückspulkurbel und Zubehörschuh. Die Unterseite trägt das genormte 1/4-Zoll-Stativgewinde. Das Filmzählwerk ist auf der Kamerarückseite in einem kleinen Fenster links neben dem Suchereinblick positioniert.

Der Filmtransport erfolgt über einen Schnellspannhebel mit integrierter Doppelbelichtungssperre. Das Rückspulen geschieht klassisch über eine Kurbel auf der Kameraschulter. Der Aufbau des Innenraums ist übersichtlich. Der Filmeinlegevorgang unkompliziert über einen Filmmitnehmer.

Objektiv und Verschluss

Die Beirette VSN ist mit einem fest verbauten Meritar 1:2,8/45 mm ausgestattet – einer klassischen Normalbrennweite für das Kleinbildformat 24 × 36 mm. Die Konstruktion entspricht dem für diese Kameraklasse typischen Dreilinser-Typ (Cooke-Triplet-Prinzip). Das einfache Objektiv liefert bei mittleren Blenden solide Schärfe und ordentliche Kontrastwerte. Die Blendenreihe reicht von der Offenblende 1:2.8 bis zu 1:22. Die Naheinstellgrenze liegt bei 60 cm. Die Entfernungseinstellung erfolgt über einen griffigen Ring mit Entfernungs- und Symbolskala. Die Distanz wird geschätzt bzw. anhand der Symbolmarkierungen gewählt.

Die Tripletlinse „Meritar“ aus Weixdorf sorgte für eine solide Abbildungsleistung mit allen bauartbedingten Stärken und Schwächen.

Die VSN arbeitet mit einem mechanischen Zentralverschluss vom Typ Priomat-S, der neben der Langzeitbelichtung „B“ die Zeiten 1/30, 1/60, 1/125. Die Auswahl der Belichtungszeiten verbirgt sich bei der Beirette VSN unter der Einstellung der Filmentfindlichkeit. Soll bedeuten: Das Bedienkonzept war nicht darauf ausgelegt, dass der Nutzer grundsätzliche Gedanken über die korrekte Belichtungszeit anstellt. Vielmehr sollte diese in Abhängigkeit der Filmempfindlichkeit dauerhaft eingestellt werden und die Belichtungseinstellung über die Blende erfolgen. Hierzu weist der Blendenring verschiedene Piktogramme entsprechend der Lichtsituation auf.

Der helle Leuchtrahmensucher bietet eine einfache, klare Bildbegrenzung. Eine Parallaxmarkierung unterstützt die korrekte Bildgestaltung im Nahbereich.

Nicht nur die einfache Bedienweise, sondern auch der große, helle Sucher erleichterte den Hobbyfotografen die Arbeit.
Die Leuchtrahmenmarkierung ermöglichte trotz fehlenden Parallaxenausgleichs eine Einschätzung des korrekten Bildausschnitts.

Die Beirette VSN verfügt über einen Zubehörschuh mit Mittenkontakt über den die handelsüblichen Blitzgeräte angeschlossen und ausgelöst werden konnten.

Einordnung der Kamera

Die VSN steht für den seit den 1960er Jahren vollzogenen Wandel des VEB Kamerafabrik Freital (vormals Beier) zu einfachen, jedoch in hohen Stückzahlen gefertigten Kameras, die insbesondere für den heimischen Konsumgütermarkt gedacht waren. Gleichwohl wurde die Beirette VSN auch in westliche Länder exportiert. So wurde über den Importeur Beroflex das Modell als Beroquick KB 35 in der BRD angeboten. Die britische Drogeriekette Boots vertrieb die VSN als „Boots Beirette“.

Das hier als Museumsexemplar gezeigte Modell wurde ausweislich der Seriennummer im April 1984 gefertigt. Während die Konstruktion über den 15-jährigen Fertigungszeitraum unverändert blieb, weisen die Kamers durchaus optische Unterschiede aus. Augenscheinlich sind neben den klassischen silbernen Gehäusen seltenere Farbgebungen in schwarz, rot und blau. Auch die Gestaltung und Färbung des Fokusrings variierte.

In einer deutlich einfacheren Ausstattung (Chromar-Objektiv und Einfachverschluss) wurde die VSN als Beirette K100 angeboten.

Für einen Aufpreis von 14 Mark der DDR wurde die Beirette VSN mit einer Bereitschaftstasche aus schwarzem Kunstleder geliefert.
ICA Victrix – Miniaturkamera im Format 4,5 x 6 cm

ICA Victrix – Miniaturkamera im Format 4,5 x 6 cm

Die hier gezeigte Victrix ist eine kompakte Laufbodenkamera im kleinen Plattenformat 4,5 x 6 cm aus der Fertigung der ICA in Dresden. Produziert wurde die Kamera ab 1912. Nach der Fusion wurde die Fertigung der Victrix bei Zeiss Ikon bis 1931 fortgesetzt. Gemeinsam mit der gleichformatigen Ica Atom stellte die Victrix die kleinste Plattenkamera aus dem Hause ICA dar und wurde gezielt für ihre geringe Größe beworben.

Konstruktion und Mechanik

Charakteristisch ist der klappbare Laufboden: Im geschlossenen Zustand wirkt die Victrix wie ein kompaktes Kästchen mit den Maßen 8 x 2,8 x 6,5 cm. Der Korpus der 290 Gramm leichten Kamera besteht vollständig aus Metall. Nach dem Öffnen klappt die Frontstandarte heraus und wird über einen Zahnstangenantrieb exakt in Aufnahmeposition geführt.

Bauarttypisch erfolgt die Fokussierung durch Verschieben der Frontstandarte. Hierzu besitzt die Kamera eine Feintriebverstellung zur präzisen Scharfeinstellung, welche vor den Handhaben des Kameraauszugs platziert ist. Der Feintrieb mit Rasterung sowie die stabile Metallkonstruktion sorgen für die notwendige Maßhaltigkeit – eine Voraussetzung für exakte Bildschärfe auf dem vergleichsweise kleinen Format von 4,5 × 6 cm. Die Naheinstellmöglichkeiten der Victrix finden ihre Grenzen in der Konstruktion mir einfachem Balgenauszug. Immerhin wird auf diesem Wege aber eine kürzeste Bilddistanz von einem Meter abgedeckt.

Die Fokussierung erfolgt bei der Victrix über eine Feinjustierung die vor den Handhaben des Auszugs angebracht ist.

Zur Bildgestaltung diente ein optischer Brillantsucher, der sich für Hoch- und Querformat drehen ließ. Für exakte Schärfeeinstellung konnte auf Mattscheibe fokussiert werden, insbesondere bei Verwendung auf dem Stativ.

In der ICA-Preisliste 1912/1913 wird die Victrix als „preiswerte und vollkommene Miniaturcamera“ angepriesen.

Objektive

Das Museumsexemplar ist ausgestattet mit dem ICA Novar-Anastigmat 1:6.8 / 6 cm. Zur Markteinführung im Jahr 1912 werden im ICA-Katalog die nachfolgenden Objektive benannt, die ebenfalls in der Victrix zum Einsatz kamen:

  • ICA Extrarapid-Aplanat Helios 1:6.8 / 9 cm
  • ICA Hekla Doppel-Anastigmat 1:6.8 / 6 cm

In der Folgezeit wurden weitere Objektive verbaut, teilweise auch von Zulieferern (z.B. Zeiss Tessar 1:6.3 / 7.5 cm). Da die beispielsweise bei McKeown und Kadlubek benannten Objektivkombinationen von uns nicht vollständig verifiziert werden können, verzichten wir auf die Benennung an dieser Stelle.

Verschlüsse

Die Victrix wurde in zwei Verschlussvarianten angeboten. Die hier gezeigte Ausführung ist mit dem hauseigenen ICA Automat X ausgestattet. Der selbstspannende Zentralverschluss deckte die Zeiten 1/25, 1/50 und 1/100 ab Zudem standen die beiden üblichen Langzeitmodi Z (T) und B zur Verfügung.

Darüber hinaus wurde die Victrix auch mit dem leistungsfähigerem Compur der Firma F. Deckel angeboten, welcher dem Nutzer eine Zeitenreihe von 1 – 1/300 Sekunden bot.

Das Museumsexemplar greift bei Verschluss (Automat X) und Optik (Novar-Anastigmat) auf ICA-eigene Komponenten zurück.

Einordung des Modells

Die Victrix stellte neben der „Atom“ die zweite Miniaturkamera der ICA dar. Sie wurde nach der Atom, welche von Hüttig weitergeführt wurde, von Ica entwickelt und auf den Markt gebracht. Dies verdeutlicht, dass ICA bewusst zwei Modelle im grundsätzlich überschaubaren Segment der 4,5×6-Kameras platzierte. Die Victrix zeichnete sich durch den verhältnismäßig günstigen Einstiegspreis aus (1912: ab 40 RM), der merklich unter jenem der Atom lag (1912: ab 57 RM bei gleicher Verschluss/Objektiv-Kombination).

Für den britischen Hersteller Butcher & Son lieferte ICA die Victrix zu, welche von diesem als „Watch Pocket Klimax“ angeboten wurde. Auch diese Ausführung findet sich im Bestand des SKM.

Nicht zu verwechseln ist die ICA Victrix übrigens mit dem gleichnamigen Modell des Vorgängerunternehmens Emil Wünsche. Bei der Wünsche Victix handelte es sich um eine Spreizenkamera mit Schlitzverschluss, die kurz nach der Jahrhundertwende gefertigt wurde.

VEB Kamerafabrik Freital – Beirette SL100 N in orange

VEB Kamerafabrik Freital – Beirette SL100 N in orange

Die Beirette SL100 N ist eine typische Kleinbild-Sucherkamera aus der späten DDR-Produktion. Sie wurde von der VEB Kamerafabrik Freital im Auftrag des VEB Carl Zeiss Jena zwischen 1987 und 1989 gebaut und gehört zur bekannten Reihe einfacher, alltagspraktischer Kameras, die in der ehemaligen DDR weit verbreitet waren.

Diese Kamera arbeitet mit dem SL-Film-System – einem Schnellladefilm in Kunststoffkassetten, der ohne Umspulen direkt von einer zur nächsten Patrone transportiert wurde. Das Format entspricht dem klassischen Kleinbildfilm 24 × 36 mm, mit dem sowohl Schwarz-Weiß- als auch Farbfilme eingesetzt werden konnten.

Farbenfroh zeigten sich die einfachen Kameras der Reihe SL 100N, die in den 1970er Jahren vom Band liefen. Wie es bereits die Bezeichnung verrät, waren diese Geräte für den Kleinbildfilm in SL-Patronen konzipiert.

Das Gehäuse der Beirette SL100 N ist aus farbigem Kunststoff gefertigt. Neben der hier gezeigten Ausführung in orange wurde die Kamera auch in den weiteren Tönen Gelb, Grün, Rosa und Schwarz gefertigt.

Das fest eingebaute Objektiv vom Typ Chromar hat eine Brennweite von etwa 50 mm und bietet eine moderate Lichtstärke, die zusammen mit dem Sucher eine kompakte und leichte Kamera ergab. Der Verschluss bot neben der Langzeitbelichtung B die Auswahl zwischen ca. 1/125 sec. und ca. 1/30 sec. Die Zeiten waren über die Symbole Sonne und Wolke einstellbar. Die 1/30 war zugleich Blitzsynchronzeit. Die Bedienung war bewusst unkompliziert gehalten, so dass dieses Modell sowohl für Einsteiger als auch als Zweitkamera beliebt war. Die Fokussierung erfolgte über eine durch Symbole gekennzeichnete Sektoreinstellung (Portrait, Gruppe, Landschaft). Der Filmtransport erfolgte durch einen Schiebeschalter auf der Rückseite. Technisch wie gestalterisch spiegelt die Beirette SL100 N den Stand der fotografischen Massenproduktion einfachster Kameras in der DDR kurz vor dem Ende der Ära wider. Insbesondere steht sie für die Hinwendung des ehemaligen Beier-Werks zu diesem Segment, welche seit den 1960er Jahren forciert wurde.

Beier – Massentaugliche Kameras aus Freital

Beier – Massentaugliche Kameras aus Freital

Der Kamerahersteller Beier gehört zu den prägenden Namen der sächsischen Fotoindustrie des 20. Jahrhunderts. Seine Geschichte ist untrennbar mit der Person Woldemar Beier und mit dem Produktionsstandort Freital verbunden. Anfang der 1920er-Jahre entwickelte sich durch mehrere Unternehmensgründungen im Raum Freital/Tharandt ein weiteres Unterzentrum des sächsischen Kamerabaus.

Die Beier-Kamerawerke wurden 1923 von Woldemar Beier in Freital als Freitaler Kameraindustrie Beier & CO gegründet. Beier war Feinmechaniker und Miteigentümer der Freitaler Thowe-Werke, welche er aber 1923 verlies. Sein Handwerkszeug hatte Beier rund 20 Jahre vorher ebenfalls an der Weißeritz erlangt: Kurz nach der Jahrhundertwende erlernte Woldemar Beier (Jahrgang 1886) beim Freitaler Kamerahersteller Merkel den Beruf des Mechanikers und qualifizierte sich anschließend zum Feinmechanikermeister weiter.

Woldemar Beier prägte sein Unternehmen in den ersten Jahrzehnten maßgeblich durch eine klare Ausrichtung auf alltagstaugliche Kameras. Unter seiner Leitung entwickelte sich Beier von einem kleinen Betrieb zu einem anerkannten Hersteller innerhalb der sächsischen Kameralandschaft.

Die Zwischenkriegszeit: Von der Holzplattenkamera zur ersten Beirette

Bereits in den ersten Jahren des Bestehens wuchs das Unternehmen schnell, sodass es bis 1929 zu zwei Umzügen innerhalb Freitals kam. Die frühe Phase des Unternehmens war geprägt von Plattenkameras im Holzgehäuse mit einfachem oder doppeltem Auszug und vergleichsweise einfachen, aber alltagstauglichen Verschlüssen (z.B. Vario) und Objektiven. Die Plattenkameras wurden in den Formaten 9 x 12 und 6,5 x 9 cm angeboten. Ab 1929 folgte die zweite Generation der Plattenkameras – nunmehr im Aluminiumgehäuse. Diese Materialumstellung war für die gesamte Branche äußerst innovativ. Exemplarisch sollen hier zwei Beier-Modelle benannt werden:

Beier Edith: einfache Plattenkamera mit Holzkorpus und einfachem Auszug, hergestellt seit der Gründung 1923, Platten- bzw. Filmformat 9 x 12 und 6,5 x 9 cm, verschiedene Verschlüsse (häufig der selbstspannende Vario von Gauthier)

Beier Lotte II: Plattenkamera mit Leichtmetallkorpus und doppeltem Auszug, vorgestellt 1929, Platten- bzw. Filmformat 9 x 12 und 6,5 x 9 cm, verschiedene Verschlüsse

Sie richteten sich an ambitionierte Amateurfotografen und zeichneten sich durch eine solide Verarbeitung aus.

Neben der Modernisierung der Plattenkameras weitete Beier in dieser Zeit sein Sortiment auf weitere Kameragattungen aus. Ebenfalls im Jahr 1929 erschien mit der Rifax die erste Klappkamera für Mittelformatfilm (120). Ihr folgten die Voran, Precisa und die Beirax (1936). Der grundlegenden Unternehmesphilosophie folgend handelte es sich auch bei diesen Modellen um solide Gebrauchskameras des mittleren Segments, die auf den wachsenden und gleichzeitig umkämpften Markt der Amateurfotografie ausgerichtet waren. Insbesondere die Precisa (im Format 6 x 6 cm) und Beirax (im Format 6 x 9 cm) sollten das Produktportfolio Beiers in den nächsten zwei Jahrzehnten prägen.

Beiers Ambitionen im Mittelformat sollten aber weiterreichen. Im Jahr 1938 kam mit der Beier-Flex eine Spiegelreflexkamera im Format 6 x 6 cm auf den Markt. Der Tuchschlitzschluss ermöglichte Belichtungszeiten bis 1/500 sec. 1939 folgte noch ein überarbeitetes Modell 2, bevor die Produktion im Rahmen der Umstellung auf Kriegswirtschaft zum Erliegen kam. Mit der Beier-Flex zeigte Beier seine Fähigkeit zur Konstruktion und Fertigung hochwertiger Kameras jenseits des Massenmarkts.

1931 reagierte Beier auf den wachsenden Erfolg des Kleinbildformats (24 × 36 mm) mit der Beika, die im Folgejahr in Beira umbenannt wurde. Von den zahlreichen Mitbewerbern in dem Segment hob sich das Modell durch die interessante Fernrohrsucherkonstruktion ab. Unterm Strich blieb die Beira jedoch ein Nischenprodukt. Mit dem zweiten Anlauf im Kleinbildformat entstand 1939 die Beirette, die später zum wohl bekanntesten Produkt des Hauses werden sollte. Die frühen Beirette-Modelle waren einfach konstruierte Sucherkameras.

Kriegszeit und Neuanfang

Der Zweite Weltkrieg brachte einen tiefen Einschnitt. Die zivile Kameraproduktion wurde eingeschränkt und kam im Jahr 1941 zum Erliegen. Im Gegensatz zu vielen Dresdner Firmen, blieb Beier von Kriegsschäden verschont. Allerdings wurde das Werk 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert und als Reparationsleistung in die UdSSR verbracht. 1946 nahm Beier die Produktion wieder auf, stellte aber vorerst einfache Haushaltsgegenstände her. Im Jahr 1949 wurde mit der Vorkriegs-Beirax die Kameraproduktion wieder aufgenommen.

Beier in der DDR

Im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben in der sowjetischen Besatzungszone bzw. jungen DDR wurde das Unternehmen nicht nach Kriegsende verstaatlicht, sondern verblieb in Woldemar Beiers Besitz. Die Kameraproduktion konzentrierte sich in den 1950er-Jahren auf Rollfilm-Klappkameras, die im wesentlichen auf den Vorkriegskonstruktionen beruhrten. 1955 wurden die Precisa und Beirax modernisiert, was ich im wesentlichen auf neue Deckkappen mit integriertem Sucher beschränkte. 1958 sieht sich Beier dazu gezwungen, das Unternehmen in eine Kommanditgesellschaft zu wandeln und einen staatliche Beteiligung zuzulassen.

Im gleichen Jahr legt Beier die erste Nachkriegs-Beirette auf und kehrt damit zum Kleinbildformat zurück. Die Beirette wurde konsequent weiterentwickelt und in hohen Stückzahlen gefertigt. Die massentaugliche Kleinbildkamera prägte fortan die Produktpalette der Firma und wurde in einer Vielzahl an Modellvarianten in den folgenden drei Jahrzehnten für den Binnen- und Exportmarkt gefertigt. Genannt seien hier exemplarisch die Beier-Matic von 1961, mit der Beier seine erste halbautomatische Kamera auf den Markt brachte. Mit der Beirette K folgte 1965 die erste Kamera der Firma für SL-Filmkassetten.

Volkseigener Betrieb

1972 erfasste die zweite Verstaatlichungswelle der DDR auch die Kamerafabrik Beier, welche zum VEB Kamerafabrik Freital. 1976 folgt die Eingliederung in den Dresdner VEB Pentacon, welcher 1985 wiederum dem Kombinat Carl Zeiss Jena angeschlossen wird.

In den 1970er und 1980er Jahren liegt der Fokus voll und ganz auf der Fertigung verschiedenster Beirette-Modelle in großen Stückzahlen. Die Produktlinien umfassten Kameras für den klassischen Kleinbildfilm wie auch für SL-Kassetten. Die Produktion erfolgte teilweise auch in den Pentacon-Betriebsteilen, die ehemals zu Certo und Pouva gehörten. Unter der Vielzahl an Modellvarianten kann u.a. die SL400 mit mikroelektronisch gesteuertem Verschluss hervorgehoben werden. Obwohl technisch nicht mehr auf internationalem Stand der Technik blieb die Beirette bis in die 1985 auch eine Exportkamera, die in der BRD unter dem Markenname des Importeurs Beroquick erhältlich war.

Farbenfroh zeigten sich die einfachen Kameras der Reihe SL 100N, die ab 1987 vom Band liefen. Wie es bereits die Bezeichnung verrät, waren diese Geräte für den Kleinbildfilm in ORWO-SL-Patronen konzipiert.

1989 erschien eine einfache Sucherkamera mit der Bezeichung Praktica 35M, die sich nach der politischen Wende aufgrund ihrer technischen Rückständigkeit aber kaum mehr verkaufte. Es handelte sich um die letzte auf den Markt gebrachte Kamera aus Freital, da die geplante Variante Praktica 35MF nicht mehr zur Serienfertigung geführt wurde. Daran änderte auch die Restrukturierung zur GmbH im Sommer 1990 nichts mehr. Die produzierten Stückzahlen marginalisierten sich und 1992 erfolgte die Auflösung der Nachfolgegesellschaft.

Beier im Sächsischen Kameramuseum

Die in der Sammlung des SKM befindlichen Exponate spiegeln sowohl die Vorkriegsproduktion als auch die Entwicklung in der DDR wider. Naturgemäß umfasst der Bestand eine Vielzahl an Beirette-Varianten und die Bandbreite an Rollfilmkameras der 1930er bis 1950er Jahre, u.a. die Precisa IIa mit ungekuppeltem Entfernungsmesser von 1955. Vertreterin aus dem Segment der Plattenkameras ist u.a. eine Lotte II im Format 6,5 x 9 cm. Den Endpunkt der Produktion an der Weißeritz setzt in der Sammlung die recht seltene „Praktica“ 35M. Grundsätzlich ist der Sammlungsbestand zur Freitaler Kameraindustrie weiterhin ausbaufähig.

Welta Watson 9×12 – Eine typische Vertreterin ihrer Kameragattung

Welta Watson 9×12 – Eine typische Vertreterin ihrer Kameragattung

Eines vorab: Das hier vorgestellte Exponat ist keine Besonder- oder gar Seltenheit! Die Welta Watson (9×12) ist eine klassische deutsche Laufboden-Plattenkamera der 1920/30er Jahre und steht beispielhaft für die solide, praxisorientierte Konstruktion der Zwischenkriegszeit, die technisch ausgereift gehobenen Anforderungen an die Fotografie gerecht wurde. Hergestellt wurde sie von den Welta Kamera-Werken in Freital (südlich von Dresden), die ein breites Programm an Platten-, Rollfilm- und später Kleinbildkameras anboten. Der herstellungszeitraum kann grob auf Mitte der 1920er bis Mitte der 1930er eingegrenzt werden. Beim gezeigten Exemplar kann anhand der Seriennummer des Objektivs eine Herstellung 1928 oder 1929 angenommen werden.

Format und Aufnahmematerial

Die hier gezeigte Kamera ist für Platten im Format 9×12 cm ausgelegt. Verwendet wurden Glasplatten in entsprechenden Kassetten, alternativ – je nach Ausstattung – auch Planfilmkassetten späterer Bauart. Das Format bot eine hohe Detailauflösung und eignete sich sowohl für Landschafts- als auch für Architektur- und Porträtaufnahmen. Vor allem bot das 9×12-Format dem Hobbyfotografen die Möglichkeit, vom Negativ ansprechend große Kontaktabzüge zu fertigen. Aus diesem Grund blieb diese Kamerabauart bis weit in die 1930er-Jahre durchaus populär, obwohl kleinere Aufnahmeformate verfügbar und zusehends erschwinglich wurden. Welta bot die Watson parallel in den Formaten 6,5 x 9 cm und 10 x 15 cm an. Während Exemplare im kleinen Format häufig anzutreffen sind, findet man die 10×15-Ausführung deutlich seltener, da Amateure weniger zu der in Anschaffung und Betrieb merklich teureren Variante griffen.

Die Filmkassetten werden rückseitig eingesetzt; zum Fokussieren dient eine Mattscheibe, die durch einen Federrahmen gehalten wird und gegen die Kassette ausgetauscht wird. Die Aufnahme entsprach dem sogenannten Contessafalz. Tatsächlich waren die rückseitigen Einschübe für Plattenhalter und Mattscheibe damals nicht einheitlich genormt, sodass diese Teile nicht zwingend zwischen Kameras verschiedener Hersteller tauschbar waren.

Gehäuse und Mechanik

Das Gehäuse besteht aus einem stabilen Metallkorpus mit schwarzer Belederung. Der klappbare Laufboden ist über seitliche Streben geführt und rastet präzise ein. Diese Konstruktion sorgt für die notwendige Parallelität zwischen Objektiv- und Filmebene.

Der Balgen ist aus lichtdichtem, mehrfach gefalztem Leder gefertigt und erlaubt einen ordentlichen Auszug, ausreichend für Normal- und leichte Telebrennweiten im 9×12-Format. Die Watson verfügt über einen doppelten Auszug der Nahaufnahmen ermöglicht und bauarttypisch über einen Zahntrieb akkurat einstellbar ist. Die Frontstandarte ist vertikal und horizontal verstellbar („tilt & shift“).

Objektivausstattung

In der Regel wurden diese Kameras mit Normalobjektiven um 135 mm Brennweite ausgeliefert, passend zum Bildkreis des 9×12-Formats. Kadlubek benennt für die Watson 9×12 Trinar-, Eurynar-, Dialytar- und Xenar-Objektive mit einer Brennweite von 13,5 cm und einer Offenblende 1:4,5. Das hier gezeigte Exemplar des Sächsischen Kameramuseums ist hingegen mit einem Steinheil Unofokal ausgestattet, dessen leicht verlängerte Brennweite von 15 cm insbesondere für Portraits von Vorteil war. Grundsätzlich zeigt sich darin die damals nicht nur bei Welta übliche Vielfalt an Ausstattungsvarianten. Die vorgenannte Aufzählung ist daher auch nicht als abschließend zu erachten – insbesondere in Anbetracht des rund 10-jährigen Herstellungszeitraums.

Verschluss

Die hier gezeigte Kamera ist mit einem Compur-Verschluss (1 sec bis 1/200 sec) der Firma Deckel (München) ausgestattet. Grundsätzlich wurde die Watson auch mit anderen Zentralverschlüssen angeboten, z.B. dem Ibsor (Gauthier Calmbach).

Die Auslösung erfolgt entweder direkt am Verschluss oder über einen Drahtauslöser.

Sucher und Einstellhilfen

Neben der Mattscheibe verfügt die Welta Watson über:

  • einen Brillantsucher für das grobe (und schnelle) Anvisieren,
  • eine Wasserwaage zur exakten Ausrichtung,
  • einen ausklappbaren Sport-Rahmensucher für „schnelle Schüsse“.

Einordnung des Exponats

Das Exemplar der Welta Watson 9×12 im Kameramuseum zeigt anschaulich den konstruktiven Stand der (mittel)deutschen Plattenkameratechnik der 1920/30er Jahre. Gerade durch ihre sachliche, funktionsorientierte Gestaltung ist die Welta Watson ein aussagekräftiges Arbeitsgerät ihrer Zeit – technisch ausgereift, mit einem Funktionsumfang für gehobene Anforderungen. Mit einem Preis zwischen ca. 90 und 100 Reichsmark (Stand Anfang der 1930er Jahre) war für die Watson (9×12) in etwa der dreifache Betrag einer einfachen Mittelformat-Faltkamera auf den Ladentisch zu legen. Welta produzierte zu dieser Zeit auch für Drittanbieter, sodass die Watson häufig ohne Herstellerbezeichnung, bzw. mit Handelsmarken versehen, anzutreffen ist. Das Exponat gibt sich hingegen durch die Einprägung des Markenzeichens auf dem Mattscheibenrückteil klar als Welta-Kamera aus.

Certo Six – Dresdner Spitzentechnik im 6×6-Klappformat

Certo Six – Dresdner Spitzentechnik im 6×6-Klappformat

Wenn man über Mittelformat-Klappkameras der 1950er-Jahre spricht, fallen oft Balda (Bünde) und Voigtländer. Die Certo Six verdient dabei einen eigenen Platz – nicht als Kopie westlicher Vorbilder, sondern als erstaunlich moderne Konstruktion aus Dresden: kompakt zu transportieren, robust gebaut und mit einer Ausstattung, die im DDR-Alltag wie auch für den Export gedacht war.

Entstehung: Von der „Certo-Super-Six“ zur Certo Six

Die Kamera wurde 1953 erstmals als „Certo-Super-Six“ auf der Leipziger Herbstmesse vorgestellt. In der zeitgenössischen Berichterstattung taucht außerdem der Konstrukteur namentlich auf: Erhard Hempel. Zugleich ist aus der damaligen Berichterstattung zu erfahren, dass die frühe Fertigung zunächst stark exportorientiert geplant war.

Spannend ist der Blick auf die tatsächliche Stückzahlentwicklung: Eine Quelle mit sehr detaillierter Objektiv-/Lieferlogik geht davon aus, dass eine wirkliche Großserienfertigung der Certo Six erst ab 1956 in Gang kam. Dies wird durch die bekannten Auslieferungszahlen des VEB Carl Zeiss Jena für das Tessar-Objektiv untermauert (vgl. hierzu auch Thiele, Hartmut, 2021). Auf jeden Fall ist davon auszugehen, dass die Certo Six

Grundkonzept: Klapp-/Spreizenkamera im Format 6×6 für den Rollfilm 120

Die Certo Six ist eine 6×6-Kamera für Rollfilm 120 (12 Aufnahmen pro Film) mit Zentralverschluss. Zusammengeklappt wirkt sie erstaunlich flach; geöffnet arbeitet sie als klassische Spreizenkamera mit stabilen Streben, jedoch mit moderneren Bedienideen als viele Vorkriegs-Falter.

Eckdaten der Certo Six:

  • Format: 6×6 cm auf 120er Rollfilm
  • Abmessungen: ca. 146 × 103 × 54 mm (geschlossen)
  • Gewicht: ca. 880 g
  • Sucher: gekuppelter Messsucher, mit Parallax-Korrektur

Die „Alleinstellungsmerkmale“: Messsucher, Parallaxausgleich, Schnelltransport

Die Certo Six war die am weitesten entwickelte Mittelformat-Faltkamera der DDR-Industrie, die sich deutlich von den Produkten der ostdeutschen Mitbewerber, wie z.B. Zeiss Ikon (Erkona), Belca (Belfoca), Beier (Precisa), abhob.

Gekuppelter Messsucher – und Parallaxkorrektur

Die Certo Six besitzt einen gekoppelten Messsucher – also Entfernungsmessung über das Sucherbild, gekoppelt mit der Fokussierung. Zusätzlich wird ein automatischer Parallaxausgleich genannt: Je nach Entfernung wird der Strahlengang bzw. die Sucher-/Optikeinstellung so nachgeführt, dass der Bildausschnitt besser zur tatsächlichen Aufnahme passt – ein Komfortmerkmal, das man bei vielen Faltern dieser Klasse nicht selbstverständlich findet.

Fokussierungshebel an der Unterseite

Charakteristisch (und beim ersten Anfassen ungewohnt) ist die Entfernungseinstellung über einen großen Hebel an der Unterseite bzw. am Kamerabett. Genau dieser Bedienweg wird in der Fachbetrachtung auch kritisch erwähnt, weil Federspannung und Mechanik den Hebel teils „kräftig“ machen können – zugleich ist es aber ein typisches Erkennungsmerkmal der Certo Six.

Filmtransport per Hebel – mit Doppelbelichtungssperre

Statt Drehknopf, wie bei der Super Dollina 2, arbeitet die Certo Six mit einem Schnelltransporthebel. Dazu kommt eine Doppelbelichtungssperre. Zusätzlich besitzt die Kamera einen Filmanzeige-/Film-Präsenz-Indikator: Ein kleines Taster-/Hebelteil im Filmkanal erkennt, ob tatsächlich Film eingelegt ist, und meldet das über ein Sichtfenster.

Objektive und Verschlüsse: Tessar, Primotar – Compur, Prontor, Tempor

Am häufigsten findet man die Certo Six mit dem Carl Zeiss Jena Tessar 1:2,8/80 mm. Dieses Objektiv ist nicht nur lichtstark fürs Mittelformat, sondern gilt auch als sehr leistungsfähig und scharfzeichnend. Neben dem Tessar sind auch einige Kameras mit Meyer Primotar 3,5/80 bekannt.

Je nach Ausführung wurden unterschiedliche Zentralverschlüsse verbaut. Eine gut strukturierte Bedienungsanleitung (Tabellenangaben) nennt:

  • Synchro-Compur MX bis 1/500 s (mit M/X-Sync und Selbstauslöser)
  • Prontor SVS bis 1/300 s (mit M/X-Sync und Selbstauslöser)
  • Tempor bis 1/250 s (X-Sync; Selbstauslöser je nach Version)

Das hier dargestellte Museumsexemplar ist mit dem häufig anzutreffenden Tempor-Verschluss ausgestattet, welcher zumindest bei den Kameras für den Binnenmarkt weit überwiegend Verwendung fand.

Certo – Dresdner Kamerabau zwischen Handwerk, Serienfertigung und DDR-Industrie

Certo – Dresdner Kamerabau zwischen Handwerk, Serienfertigung und DDR-Industrie

Der Dresdner Kamerabau bot neben den „Platzhirschen“ wie ICA, Ernemann und Zeiss Ikon lange Zeit auch Raum für kleinere Hersteller mit durchaus interessanten und konkurrenzfähigen Produkten. Certo gehört dazu: ein Hersteller, der vom frühen Plattenkamera-Handwerk über elegante Kleinbild-Faltkameras bis hin zu DDR-Seriengeräten einen langen Weg gegangen ist – und dabei immer wieder mit durchdachten Lösungen und bemerkenswert hoher Fertigungsqualität auffiel.

Von der Werkstatt zum Markenname „Certo“

Die Wurzeln reichen in das Jahr 1902 zurück: In Dresden-Johannstadt gründeten Alfred Lippert und Karl Peppel eine Werkstatt, in der zunächst vor allem Plattenkameras mit Holzgehäusen entstanden. Mit zunehmender Nachfrage entwickelte sich daraus ein Fabrikbetrieb; Firmierungen und Rechtsformen änderten sich mehrfach, typisch für viele wachsende Unternehmen dieser Zeit.

Bereits wenige Jahre nach der Gründung kam Bewegung in die Standortfrage: Aus Platzgründen wurde der Betrieb im Jahr 1905 nach Großschachwitz verlagert, das damals noch nicht zu Dresden gehörte (Eingemeindung erfolgte 1921). Parallel etablierte sich der Markenname „Certo“ als Warenzeichen, der ab 1906 auch zum Namen des Unternehmens wurde.

Ein schönes (und äußerst seltenes) Beispiel für die Produktideen jener Zeit ist die 1906 präsentierte „Damenkamera“ – äußerlich einer kleinen Handtasche ähnlich, mit edler Anmutung im Jugendstil-Design. Solche Modelle zeigen, dass Certo früh nicht nur Technik, sondern auch Gestaltung und Zielgruppen mitdachte. Gleich wohl sollte sich der Fokus in den kommenden Jahren auf den wirtschaftlich wichtigen Massenmarkt legen.

Leider nicht im Bestand des Sächsischen Kameramuseums befindet sich die „Damenkamera“ von 1906. Wer dieses seltene Exponat sehen möchte, wird aber in den Technischen Sammlungen der Stadt Dresden fündig (Abb.)

Zwischenkriegszeit: Industrialisierung und neue Produktlinien

In den 1910er- und 1920er-Jahren nahm der Export zu, und der Betrieb wandelte sich Schritt für Schritt: Holzgehäuse traten zunehmend hinter Metallkonstruktionen zurück; zudem gewann die Serienfertigung an Bedeutung.

1917 übernahm der Kaufmann Paul Zimmermann den Betrieb. Unter seiner Führung wurde die Strukturierung und Modernisierung des Programms weiter forciert. Aus dieser Zeit stammen verschiedene Platten- und Rollfilmkameras, die den zeitgenössigen Anforderungen Rechnung trugen. Exemplarisch für den Bereich der Rollfilmkameras ist die Certonet für den 120er Mittelformatfilm im Format 6 x 9 cm. Auch die Certofix (einschließlich der sehr ähnlichen Certotix und Certix) ähnelten diesem Modell in Konstruktion und Leistung.  Ebenfalls in den 1920er-Jahren bot Certo eine Reihe Laufbodenkameras an, die sich konstruktiv ähnelten und im Wesentlichen die gefragten Formate von 6,5 x 9 cm bis 10 x 15 cm abdeckte. Exemplarisch sollen hier die Modellreihen Certoruf, Certolob und Certosport benannt werden. Certo bewegte sich damit in jenem klassischen Feld, in dem Dresden international einen Ruf hatte: solide Kameramechanik, zweckmäßige Konstruktionen und eine Fertigung, die auf den Alltagseinsatz ambitionierter Amateurfotografen ausgerichtet waren.

Der große Schritt zum Kleinbild: Dollina und Super Dollina

Mit 1935 beginnt das Kapitel, das Certo heute besonders bekannt macht: die Kleinbildkamera Dollina. Sie steht für den Übergang zu 35 mm – und damit für ein Format, das Fotografie mobiler, schneller und massentauglicher machte. Auch hier war Certo kein Trendsetter, sondern folgte einer Entwicklung, die ausgehend von der „Leica“ des Wetzlarer Unternehmens Ernst Leitz mittlerweile bei vielen Herstellern Verbreitung fand und zunehmende Marktanteile vorweisen konnte. Die „Dollina“ folge der Unternehmensstrategie, wertige und solide Kameras für anspruchsvolle Freizeitfotografen anzubieten, die preislich wettbewerbsfähig sind, auf einem Markt, der hart umkämpft ist. Mit der Dollina 2 folgte 1936 die Version mit gekuppeltem Messsucher, welcher auf das Gehäuse aufgesetzt war. Mit der Dollina 3 und schließlich der Super Dollina von 1938 folgten Kameras mit in das Gehäuse integrierten Messsuchern. Die Super Dollina wurde auch nach dem Krieg weiter gefertigt.

Parallel dazu weitete Certo das Programm aus: Ebenfalls ab 1935 begann die Fertigung von Vergrößerungsapparaten (etwa unter dem Namen „Certus“). Das passt ins Bild: Hersteller, die Kameras bauten, boten zunehmend auch Geräte für Dunkelkammer und Zubehör – ein ganzes Ökosystem rund um die Amateur- und ambitionierte Fotografie.

Auch jenseits des Kleinbildformats behielt Certo in den 1930er Jahren sein Kameraangebot bei. Weiterhin wurden Laufboden- und Faltkameras gefertigt. Für den 120er-Film soll die 1935 eingeführte Super Dolly Sport mit integriertem Messsucher nicht unerwähnt bleiben, die im gewissen Maße als Mittelformat-Pendant zur Dollina-Reihe verstanden werden darf.

Krieg, Neubeginn und der schwierige Übergang nach 1945

Wie viele Betriebe musste Certo ab 1940 die zivile Produktion unterbrechen und auf rüstungsrelevante Fertigung umstellen. Nach 1945 stand der Betrieb – trotz fehlender direkter Bombenschäden – durch Demontagen und Umbrüche wirtschaftlich unter enormem Druck. In Quellen wird sogar eine zeitweilige Behelfsproduktion (u. a. Zigarettenwickelmaschinen) erwähnt, bevor die Kameraproduktion wieder anlaufen konnte. Ab 1946 wurde die Super Dollina erneut gebaut – ein bemerkenswerter Neustart unter schwierigsten Bedingungen. Die Fertigung dieser Anfangszeit floss als Reparationsleistung in die Sowjetunion.

Die 1950er: Certo im DDR-Fotokosmos – Certo Six und Mittelformat

In den 1950er-Jahren zeigt sich Certo als Teil des ostdeutschen Kamerabau-Clusters – mit eigenen Lösungen und gleichzeitig enger Verzahnung mit Zulieferern (Objektive, Verschlüsse). Die nach dem Krieg wieder produzierte Super Dollina wurde 1951 durch die weiterentwickelte Super Dollina 2 abgelöst. Es handelte sich Anfang der 1950er-Jahre um die einzige Messsucherkamera der DDR. Paralell zur Super Dollina wurde die günstigere Durata (später Durata 2) angeboten, die auf einen Messsucher verzichtete.

Aber die wohl bekannteste Kamera dieser Phase ist die Certo Six: eine 6×6-Klapp-/Spreizenkamera für Rollfilm 120, mit gekoppeltem Messsucher und hochwertiger Ausstattung (z. B. Tessar 2,8/80, Zentralverschluss je Variante bis 1/500 sec, Parallaxenausgleich). Die neuere Forschung geht davon aus, dass die bereits auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1953 vorgestellte Kamera erst 1956 in die Serienfertigung überführt werden konnte. Während 1954 bis 1955 verhältnismäßig geringe Stückzahlen für den Export entstanden. [hierzu ausführlich: Kröger, Marko: Certo Six | zeissikonveb.de].

Certo Six aus der Sammlung des Sächsischen Kameramuseums: Version mit Tempor-Verschluss für den Inlandsmarkt, vermutlich 1957 gebaut

Die Rolle als Hersteller hochwertiger Kameras mit dem Anspruch der technischen Marktführerschaft blitzte nochmals (und letztmalig) 1963 mit der Certi auf. Diese Sucherkamera für das Kleinbildformat bot eine vollautomatische Belichtungssteuerung durch eine an den Belichtungsmesser gekuppelte Blendeneinstellung (heutige Bezeichnung wäre „Blendenautomatik“). Obwohl die Certi neben der doppelt so teuren und fehlerbehafteten Prakti des VEB Kamera- und Kinowerke Dresden eine der wenigen auf dem Ostmarkt verfügbaren Kameras mit Belichtungsautomatik war, wurde sie nur in geringen Stückzahlen gefertigt.

Teilverstaatlichung, VEB und die Jahre im Kombinat

Organisatorisch änderte sich nach 1950 vieles: Aus der Kapitalgesellschaft wurde 1953 eine OHG in familiärer Leitung durch Fritz von der Gönna (dem Enkel Paul Zimmermanns). Nach dessen Tod im Jahr 1959 übernahmen die Söhne Armin und Eckhard die technische und kaufmännische Leitung, mussten aber eine staatliche Beteiligung von 30 % akzeptieren, um die Rohstoff-, Material- und Kapitalausstattung des Werkes zu sichern.

Nach der Certo Six, deren Produktion Ender 1950er-Jahre eingestellt wurde, standen ab 1960 weitere Mittelformat-Modelle im Programm, die jedoch auf den Massenmarkt zielten – die (für ihre Gattung) außergewöhnlich hochwertig verarbeiteten Boxkameras Certo-phot und später Certina, die aus Kunststoff gefertigt wurden und in großen Stückzahlen auf dem Binnen- wie Exportmarkt angeboten wurden. Hervorzuheben aus dieser Bauart ist auch die Certo-matic (1960-65) mit gekoppeltem Nachführbelichtungsmesser, was für Boxkameras eine ungewöhnliche Ausstattung darstellt.

Als die Boxkamera eigentlich schon aus der Zeit gefallen war, brachte Certo 1960 mit der Certo-phot (und ihren Schwestermodellen) eine gut ausgestattete Kamera dieser Bauart auf den Markt, die in großer Stückzahl Absatz inner- und außerhalb der DDR fand. Die Kamera markiert den Wandel des Herstellers hin zum Massenmarkt. (Bestand Sächsisches Kameramuseum)

Ab April 1972 wurde Certo schließlich volkseigen und firmierte als VEB Certo-Kamerawerk Dresden; ab 1980 war der Betrieb dem Kombinat VEB Pentacon zugeordnet (juristisch zunächst noch eigenständig).

In dieser Phase verlagerte sich das Programm: Neben klassischen Kameras wurden vermehrt einfachere Sucherkameras hergestellt, die ab den 1970er Jahren die Produktpalette dominierten (z. B. KN 35, SL 100).

Das Ende als Kamerahersteller kam schrittweise: Bis Dezember 1982 liefen Certo-Kameras, danach wurde der Standort vor allem Zulieferbetrieb innerhalb des Kombinats. Zuletzt wurden im Certo-Werk die Exa 1b und 1c gefertigt, die konstruktiv aber ihre Wurzeln bei der Ihagee hatten, welche ebenfalls dem VEB Pentacon eingegliedert war. Als Betriebseinheit verschwand Certo in den 1980er-Jahren endgültig aus dem Kameramarkt.

Das Dresdner Stadtwappen ziert die Front der Certo-phot (Bestand Sächsisches Kameramuseum)

Certo im Sächsischen Kameramuseum

Gerade die Mischung aus eleganten Vorkriegs-Kleinbildkameras und den späteren DDR-Geräten macht Certo museal interessant: Man kann an einem Hersteller sehr gut zeigen, wie sich Fotografie, Konsumkultur und Industrieorganisation über acht Jahrzehnte verändert haben.

Das SKM beherbergt eine Vielzahl an Modellen aus den verschiedenen Phasen der wechselhaften Unternehmensgeschichte. Neben Laufbodenkameras der ersten Jahrzehnte (z.B. Certolob, Certofix) liegt ein Schwerpunkt der Sammlung auf den (Mess)Sucherkameras im Kleinbildformat; u.a. die Dollina 0, Dollina 1 und die recht seltene Dollina 3 repräsentieren die Vorkriegsentwicklung, während u. a. mit Super Dollina 2 und Durata Modelle der frühen DDR-Zeit präsentiert werden. Im Mittelformat sind als besondere Exponate die Super Dolly Sport von 1936 und natürlich die Certo Six erwähnenswert. Auch die vollautomatische Certi von 1963 ist Teil des Museumsbestands. Die Modelle für den DDR-Massenmarkt (z.B. Certo-phot und die SL-Reihe) zeigen die ab den 1960ern eingenommene Rolle des Unternehmens. Abgerundet wird die Sammlung durch die Exa 1c, die zwar bei Certo gefertigt wurde, jedoch keine Eigenentwicklung der Firma war.