Eines vorab: Das hier vorgestellte Exponat ist keine Besonder- oder gar Seltenheit! Die Welta Watson (9×12) ist eine klassische deutsche Laufboden-Plattenkamera der 1920/30er Jahre und steht beispielhaft für die solide, praxisorientierte Konstruktion der Zwischenkriegszeit, die technisch ausgereift gehobenen Anforderungen an die Fotografie gerecht wurde. Hergestellt wurde sie von den Welta Kamera-Werken in Freital (südlich von Dresden), die ein breites Programm an Platten-, Rollfilm- und später Kleinbildkameras anboten. Der herstellungszeitraum kann grob auf Mitte der 1920er bis Mitte der 1930er eingegrenzt werden. Beim gezeigten Exemplar kann anhand der Seriennummer des Objektivs eine Herstellung 1928 oder 1929 angenommen werden.
Format und Aufnahmematerial
Die hier gezeigte Kamera ist für Platten im Format 9×12 cm ausgelegt. Verwendet wurden Glasplatten in entsprechenden Kassetten, alternativ – je nach Ausstattung – auch Planfilmkassetten späterer Bauart. Das Format bot eine hohe Detailauflösung und eignete sich sowohl für Landschafts- als auch für Architektur- und Porträtaufnahmen. Vor allem bot das 9×12-Format dem Hobbyfotografen die Möglichkeit, vom Negativ ansprechend große Kontaktabzüge zu fertigen. Aus diesem Grund blieb diese Kamerabauart bis weit in die 1930er-Jahre durchaus populär, obwohl kleinere Aufnahmeformate verfügbar und zusehends erschwinglich wurden. Welta bot die Watson parallel in den Formaten 6,5 x 9 cm und 10 x 15 cm an. Während Exemplare im kleinen Format häufig anzutreffen sind, findet man die 10×15-Ausführung deutlich seltener, da Amateure weniger zu der in Anschaffung und Betrieb merklich teureren Variante griffen.
Die Filmkassetten werden rückseitig eingesetzt; zum Fokussieren dient eine Mattscheibe, die durch einen Federrahmen gehalten wird und gegen die Kassette ausgetauscht wird. Die Aufnahme entsprach dem sogenannten Contessafalz. Tatsächlich waren die rückseitigen Einschübe für Plattenhalter und Mattscheibe damals nicht einheitlich genormt, sodass diese Teile nicht zwingend zwischen Kameras verschiedener Hersteller tauschbar waren.
Gehäuse und Mechanik
Das Gehäuse besteht aus einem stabilen Metallkorpus mit schwarzer Belederung. Der klappbare Laufboden ist über seitliche Streben geführt und rastet präzise ein. Diese Konstruktion sorgt für die notwendige Parallelität zwischen Objektiv- und Filmebene.
Der Balgen ist aus lichtdichtem, mehrfach gefalztem Leder gefertigt und erlaubt einen ordentlichen Auszug, ausreichend für Normal- und leichte Telebrennweiten im 9×12-Format. Die Watson verfügt über einen doppelten Auszug der Nahaufnahmen ermöglicht und bauarttypisch über einen Zahntrieb akkurat einstellbar ist. Die Frontstandarte ist vertikal und horizontal verstellbar („tilt & shift“).
Objektivausstattung
In der Regel wurden diese Kameras mit Normalobjektiven um 135 mm Brennweite ausgeliefert, passend zum Bildkreis des 9×12-Formats. Kadlubek benennt für die Watson 9×12 Trinar-, Eurynar-, Dialytar- und Xenar-Objektive mit einer Brennweite von 13,5 cm und einer Offenblende 1:4,5. Das hier gezeigte Exemplar des Sächsischen Kameramuseums ist hingegen mit einem Steinheil Unofokal ausgestattet, dessen leicht verlängerte Brennweite von 15 cm insbesondere für Portraits von Vorteil war. Grundsätzlich zeigt sich darin die damals nicht nur bei Welta übliche Vielfalt an Ausstattungsvarianten. Die vorgenannte Aufzählung ist daher auch nicht als abschließend zu erachten – insbesondere in Anbetracht des rund 10-jährigen Herstellungszeitraums.
Verschluss
Die hier gezeigte Kamera ist mit einem Compur-Verschluss (1 sec bis 1/200 sec) der Firma Deckel (München) ausgestattet. Grundsätzlich wurde die Watson auch mit anderen Zentralverschlüssen angeboten, z.B. dem Ibsor (Gauthier Calmbach).
Die Auslösung erfolgt entweder direkt am Verschluss oder über einen Drahtauslöser.
Sucher und Einstellhilfen
Neben der Mattscheibe verfügt die Welta Watson über:
einen Brillantsucher für das grobe (und schnelle) Anvisieren,
eine Wasserwaage zur exakten Ausrichtung,
einen ausklappbaren Sport-Rahmensucher für „schnelle Schüsse“.
Einordnung des Exponats
Das Exemplar der Welta Watson 9×12 im Kameramuseum zeigt anschaulich den konstruktiven Stand der (mittel)deutschen Plattenkameratechnik der 1920/30er Jahre. Gerade durch ihre sachliche, funktionsorientierte Gestaltung ist die Welta Watson ein aussagekräftiges Arbeitsgerät ihrer Zeit – technisch ausgereift, mit einem Funktionsumfang für gehobene Anforderungen. Mit einem Preis zwischen ca. 90 und 100 Reichsmark (Stand Anfang der 1930er Jahre) war für die Watson (9×12) in etwa der dreifache Betrag einer einfachen Mittelformat-Faltkamera auf den Ladentisch zu legen. Welta produzierte zu dieser Zeit auch für Drittanbieter, sodass die Watson häufig ohne Herstellerbezeichnung, bzw. mit Handelsmarken versehen, anzutreffen ist. Das Exponat gibt sich hingegen durch die Einprägung des Markenzeichens auf dem Mattscheibenrückteil klar als Welta-Kamera aus.
Wenn man über Mittelformat-Klappkameras der 1950er-Jahre spricht, fallen oft Balda (Bünde) und Voigtländer. Die Certo Six verdient dabei einen eigenen Platz – nicht als Kopie westlicher Vorbilder, sondern als erstaunlich moderne Konstruktion aus Dresden: kompakt zu transportieren, robust gebaut und mit einer Ausstattung, die im DDR-Alltag wie auch für den Export gedacht war.
Entstehung: Von der „Certo-Super-Six“ zur Certo Six
Die Kamera wurde 1953 erstmals als „Certo-Super-Six“ auf der Leipziger Herbstmesse vorgestellt. In der zeitgenössischen Berichterstattung taucht außerdem der Konstrukteur namentlich auf: Erhard Hempel. Zugleich ist aus der damaligen Berichterstattung zu erfahren, dass die frühe Fertigung zunächst stark exportorientiert geplant war.
Spannend ist der Blick auf die tatsächliche Stückzahlentwicklung: Eine Quelle mit sehr detaillierter Objektiv-/Lieferlogik geht davon aus, dass eine wirkliche Großserienfertigung der Certo Six erst ab 1956 in Gang kam. Dies wird durch die bekannten Auslieferungszahlen des VEB Carl Zeiss Jena für das Tessar-Objektiv untermauert (vgl. hierzu auch Thiele, Hartmut, 2021). Auf jeden Fall ist davon auszugehen, dass die Certo Six
Grundkonzept: Klapp-/Spreizenkamera im Format 6×6 für den Rollfilm 120
Die Certo Six ist eine 6×6-Kamera für Rollfilm 120 (12 Aufnahmen pro Film) mit Zentralverschluss. Zusammengeklappt wirkt sie erstaunlich flach; geöffnet arbeitet sie als klassische Spreizenkamera mit stabilen Streben, jedoch mit moderneren Bedienideen als viele Vorkriegs-Falter.
Eckdaten der Certo Six:
Format: 6×6 cm auf 120er Rollfilm
Abmessungen: ca. 146 × 103 × 54 mm (geschlossen)
Gewicht: ca. 880 g
Sucher: gekuppelter Messsucher, mit Parallax-Korrektur
Die „Alleinstellungsmerkmale“: Messsucher, Parallaxausgleich, Schnelltransport
Die Certo Six war die am weitesten entwickelte Mittelformat-Faltkamera der DDR-Industrie, die sich deutlich von den Produkten der ostdeutschen Mitbewerber, wie z.B. Zeiss Ikon (Erkona), Belca (Belfoca), Beier (Precisa), abhob.
Gekuppelter Messsucher – und Parallaxkorrektur
Die Certo Six besitzt einen gekoppelten Messsucher – also Entfernungsmessung über das Sucherbild, gekoppelt mit der Fokussierung. Zusätzlich wird ein automatischer Parallaxausgleich genannt: Je nach Entfernung wird der Strahlengang bzw. die Sucher-/Optikeinstellung so nachgeführt, dass der Bildausschnitt besser zur tatsächlichen Aufnahme passt – ein Komfortmerkmal, das man bei vielen Faltern dieser Klasse nicht selbstverständlich findet.
Fokussierungshebel an der Unterseite
Charakteristisch (und beim ersten Anfassen ungewohnt) ist die Entfernungseinstellung über einen großen Hebel an der Unterseite bzw. am Kamerabett. Genau dieser Bedienweg wird in der Fachbetrachtung auch kritisch erwähnt, weil Federspannung und Mechanik den Hebel teils „kräftig“ machen können – zugleich ist es aber ein typisches Erkennungsmerkmal der Certo Six.
Filmtransport per Hebel – mit Doppelbelichtungssperre
Statt Drehknopf, wie bei der Super Dollina 2, arbeitet die Certo Six mit einem Schnelltransporthebel. Dazu kommt eine Doppelbelichtungssperre. Zusätzlich besitzt die Kamera einen Filmanzeige-/Film-Präsenz-Indikator: Ein kleines Taster-/Hebelteil im Filmkanal erkennt, ob tatsächlich Film eingelegt ist, und meldet das über ein Sichtfenster.
Objektive und Verschlüsse: Tessar, Primotar – Compur, Prontor, Tempor
Am häufigsten findet man die Certo Six mit dem Carl Zeiss Jena Tessar 1:2,8/80 mm. Dieses Objektiv ist nicht nur lichtstark fürs Mittelformat, sondern gilt auch als sehr leistungsfähig und scharfzeichnend. Neben dem Tessar sind auch einige Kameras mit Meyer Primotar 3,5/80 bekannt.
Je nach Ausführung wurden unterschiedliche Zentralverschlüsse verbaut. Eine gut strukturierte Bedienungsanleitung (Tabellenangaben) nennt:
Synchro-Compur MX bis 1/500 s (mit M/X-Sync und Selbstauslöser)
Prontor SVS bis 1/300 s (mit M/X-Sync und Selbstauslöser)
Tempor bis 1/250 s (X-Sync; Selbstauslöser je nach Version)
Das hier dargestellte Museumsexemplar ist mit dem häufig anzutreffenden Tempor-Verschluss ausgestattet, welcher zumindest bei den Kameras für den Binnenmarkt weit überwiegend Verwendung fand.
Der Dresdner Kamerabau bot neben den „Platzhirschen“ wie ICA, Ernemann und Zeiss Ikon lange Zeit auch Raum für kleinere Hersteller mit durchaus interessanten und konkurrenzfähigen Produkten. Certo gehört dazu: ein Hersteller, der vom frühen Plattenkamera-Handwerk über elegante Kleinbild-Faltkameras bis hin zu DDR-Seriengeräten einen langen Weg gegangen ist – und dabei immer wieder mit durchdachten Lösungen und bemerkenswert hoher Fertigungsqualität auffiel.
Von der Werkstatt zum Markenname „Certo“
Die Wurzeln reichen in das Jahr 1902 zurück: In Dresden-Johannstadt gründeten Alfred Lippert und Karl Peppel eine Werkstatt, in der zunächst vor allem Plattenkameras mit Holzgehäusen entstanden. Mit zunehmender Nachfrage entwickelte sich daraus ein Fabrikbetrieb; Firmierungen und Rechtsformen änderten sich mehrfach, typisch für viele wachsende Unternehmen dieser Zeit.
Bereits wenige Jahre nach der Gründung kam Bewegung in die Standortfrage: Aus Platzgründen wurde der Betrieb im Jahr 1905 nach Großschachwitz verlagert, das damals noch nicht zu Dresden gehörte (Eingemeindung erfolgte 1921). Parallel etablierte sich der Markenname „Certo“ als Warenzeichen, der ab 1906 auch zum Namen des Unternehmens wurde.
Ein schönes (und äußerst seltenes) Beispiel für die Produktideen jener Zeit ist die 1906 präsentierte „Damenkamera“ – äußerlich einer kleinen Handtasche ähnlich, mit edler Anmutung im Jugendstil-Design. Solche Modelle zeigen, dass Certo früh nicht nur Technik, sondern auch Gestaltung und Zielgruppen mitdachte. Gleich wohl sollte sich der Fokus in den kommenden Jahren auf den wirtschaftlich wichtigen Massenmarkt legen.
Leider nicht im Bestand des Sächsischen Kameramuseums befindet sich die „Damenkamera“ von 1906. Wer dieses seltene Exponat sehen möchte, wird aber in den Technischen Sammlungen der Stadt Dresden fündig (Abb.)
Zwischenkriegszeit: Industrialisierung und neue Produktlinien
In den 1910er- und 1920er-Jahren nahm der Export zu, und der Betrieb wandelte sich Schritt für Schritt: Holzgehäuse traten zunehmend hinter Metallkonstruktionen zurück; zudem gewann die Serienfertigung an Bedeutung.
1917 übernahm der Kaufmann Paul Zimmermann den Betrieb. Unter seiner Führung wurde die Strukturierung und Modernisierung des Programms weiter forciert. Aus dieser Zeit stammen verschiedene Platten- und Rollfilmkameras, die den zeitgenössigen Anforderungen Rechnung trugen. Exemplarisch für den Bereich der Rollfilmkameras ist die Certonet für den 120er Mittelformatfilm im Format 6 x 9 cm. Auch die Certofix (einschließlich der sehr ähnlichen Certotix und Certix) ähnelten diesem Modell in Konstruktion und Leistung. Ebenfalls in den 1920er-Jahren bot Certo eine Reihe Laufbodenkameras an, die sich konstruktiv ähnelten und im Wesentlichen die gefragten Formate von 6,5 x 9 cm bis 10 x 15 cm abdeckte. Exemplarisch sollen hier die Modellreihen Certoruf, Certolob und Certosport benannt werden. Certo bewegte sich damit in jenem klassischen Feld, in dem Dresden international einen Ruf hatte: solide Kameramechanik, zweckmäßige Konstruktionen und eine Fertigung, die auf den Alltagseinsatz ambitionierter Amateurfotografen ausgerichtet waren.
Der große Schritt zum Kleinbild: Dollina und Super Dollina
Mit 1935 beginnt das Kapitel, das Certo heute besonders bekannt macht: die Kleinbildkamera Dollina. Sie steht für den Übergang zu 35 mm – und damit für ein Format, das Fotografie mobiler, schneller und massentauglicher machte. Auch hier war Certo kein Trendsetter, sondern folgte einer Entwicklung, die ausgehend von der „Leica“ des Wetzlarer Unternehmens Ernst Leitz mittlerweile bei vielen Herstellern Verbreitung fand und zunehmende Marktanteile vorweisen konnte. Die „Dollina“ folge der Unternehmensstrategie, wertige und solide Kameras für anspruchsvolle Freizeitfotografen anzubieten, die preislich wettbewerbsfähig sind, auf einem Markt, der hart umkämpft ist. Mit der Dollina 2 folgte 1936 die Version mit gekuppeltem Messsucher, welcher auf das Gehäuse aufgesetzt war. Mit der Dollina 3 und schließlich der Super Dollina von 1938 folgten Kameras mit in das Gehäuse integrierten Messsuchern. Die Super Dollina wurde auch nach dem Krieg weiter gefertigt.
Parallel dazu weitete Certo das Programm aus: Ebenfalls ab 1935 begann die Fertigung von Vergrößerungsapparaten (etwa unter dem Namen „Certus“). Das passt ins Bild: Hersteller, die Kameras bauten, boten zunehmend auch Geräte für Dunkelkammer und Zubehör – ein ganzes Ökosystem rund um die Amateur- und ambitionierte Fotografie.
Auch jenseits des Kleinbildformats behielt Certo in den 1930er Jahren sein Kameraangebot bei. Weiterhin wurden Laufboden- und Faltkameras gefertigt. Für den 120er-Film soll die 1935 eingeführte Super Dolly Sport mit integriertem Messsucher nicht unerwähnt bleiben, die im gewissen Maße als Mittelformat-Pendant zur Dollina-Reihe verstanden werden darf.
Krieg, Neubeginn und der schwierige Übergang nach 1945
Wie viele Betriebe musste Certo ab 1940 die zivile Produktion unterbrechen und auf rüstungsrelevante Fertigung umstellen. Nach 1945 stand der Betrieb – trotz fehlender direkter Bombenschäden – durch Demontagen und Umbrüche wirtschaftlich unter enormem Druck. In Quellen wird sogar eine zeitweilige Behelfsproduktion (u. a. Zigarettenwickelmaschinen) erwähnt, bevor die Kameraproduktion wieder anlaufen konnte. Ab 1946 wurde die Super Dollina erneut gebaut – ein bemerkenswerter Neustart unter schwierigsten Bedingungen. Die Fertigung dieser Anfangszeit floss als Reparationsleistung in die Sowjetunion.
Die 1950er: Certo im DDR-Fotokosmos – Certo Six und Mittelformat
In den 1950er-Jahren zeigt sich Certo als Teil des ostdeutschen Kamerabau-Clusters – mit eigenen Lösungen und gleichzeitig enger Verzahnung mit Zulieferern (Objektive, Verschlüsse). Die nach dem Krieg wieder produzierte Super Dollina wurde 1951 durch die weiterentwickelte Super Dollina 2 abgelöst. Es handelte sich Anfang der 1950er-Jahre um die einzige Messsucherkamera der DDR. Paralell zur Super Dollina wurde die günstigere Durata (später Durata 2) angeboten, die auf einen Messsucher verzichtete.
Aber die wohl bekannteste Kamera dieser Phase ist die Certo Six: eine 6×6-Klapp-/Spreizenkamera für Rollfilm 120, mit gekoppeltem Messsucher und hochwertiger Ausstattung (z. B. Tessar 2,8/80, Zentralverschluss je Variante bis 1/500 sec, Parallaxenausgleich). Die neuere Forschung geht davon aus, dass die bereits auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1953 vorgestellte Kamera erst 1956 in die Serienfertigung überführt werden konnte. Während 1954 bis 1955 verhältnismäßig geringe Stückzahlen für den Export entstanden. [hierzu ausführlich: Kröger, Marko: Certo Six | zeissikonveb.de].
Certo Six aus der Sammlung des Sächsischen Kameramuseums: Version mit Tempor-Verschluss für den Inlandsmarkt, vermutlich 1957 gebaut
Die Rolle als Hersteller hochwertiger Kameras mit dem Anspruch der technischen Marktführerschaft blitzte nochmals (und letztmalig) 1963 mit der Certi auf. Diese Sucherkamera für das Kleinbildformat bot eine vollautomatische Belichtungssteuerung durch eine an den Belichtungsmesser gekuppelte Blendeneinstellung (heutige Bezeichnung wäre „Blendenautomatik“). Obwohl die Certi neben der doppelt so teuren und fehlerbehafteten Prakti des VEB Kamera- und Kinowerke Dresden eine der wenigen auf dem Ostmarkt verfügbaren Kameras mit Belichtungsautomatik war, wurde sie nur in geringen Stückzahlen gefertigt.
Teilverstaatlichung, VEB und die Jahre im Kombinat
Organisatorisch änderte sich nach 1950 vieles: Aus der Kapitalgesellschaft wurde 1953 eine OHG in familiärer Leitung durch Fritz von der Gönna (dem Enkel Paul Zimmermanns). Nach dessen Tod im Jahr 1959 übernahmen die Söhne Armin und Eckhard die technische und kaufmännische Leitung, mussten aber eine staatliche Beteiligung von 30 % akzeptieren, um die Rohstoff-, Material- und Kapitalausstattung des Werkes zu sichern.
Nach der Certo Six, deren Produktion Ender 1950er-Jahre eingestellt wurde, standen ab 1960 weitere Mittelformat-Modelle im Programm, die jedoch auf den Massenmarkt zielten – die (für ihre Gattung) außergewöhnlich hochwertig verarbeiteten Boxkameras Certo-phot und später Certina, die aus Kunststoff gefertigt wurden und in großen Stückzahlen auf dem Binnen- wie Exportmarkt angeboten wurden. Hervorzuheben aus dieser Bauart ist auch die Certo-matic (1960-65) mit gekoppeltem Nachführbelichtungsmesser, was für Boxkameras eine ungewöhnliche Ausstattung darstellt.
Als die Boxkamera eigentlich schon aus der Zeit gefallen war, brachte Certo 1960 mit der Certo-phot (und ihren Schwestermodellen) eine gut ausgestattete Kamera dieser Bauart auf den Markt, die in großer Stückzahl Absatz inner- und außerhalb der DDR fand. Die Kamera markiert den Wandel des Herstellers hin zum Massenmarkt. (Bestand Sächsisches Kameramuseum)
Ab April 1972 wurde Certo schließlich volkseigen und firmierte als VEB Certo-Kamerawerk Dresden; ab 1980 war der Betrieb dem Kombinat VEB Pentacon zugeordnet (juristisch zunächst noch eigenständig).
In dieser Phase verlagerte sich das Programm: Neben klassischen Kameras wurden vermehrt einfachere Sucherkameras hergestellt, die ab den 1970er Jahren die Produktpalette dominierten (z. B. KN 35, SL 100).
Das Ende als Kamerahersteller kam schrittweise: Bis Dezember 1982 liefen Certo-Kameras, danach wurde der Standort vor allem Zulieferbetrieb innerhalb des Kombinats. Zuletzt wurden im Certo-Werk die Exa 1b und 1c gefertigt, die konstruktiv aber ihre Wurzeln bei der Ihagee hatten, welche ebenfalls dem VEB Pentacon eingegliedert war. Als Betriebseinheit verschwand Certo in den 1980er-Jahren endgültig aus dem Kameramarkt.
Das Dresdner Stadtwappen ziert die Front der Certo-phot (Bestand Sächsisches Kameramuseum)
Certo im Sächsischen Kameramuseum
Gerade die Mischung aus eleganten Vorkriegs-Kleinbildkameras und den späteren DDR-Geräten macht Certo museal interessant: Man kann an einem Hersteller sehr gut zeigen, wie sich Fotografie, Konsumkultur und Industrieorganisation über acht Jahrzehnte verändert haben.
Das SKM beherbergt eine Vielzahl an Modellen aus den verschiedenen Phasen der wechselhaften Unternehmensgeschichte. Neben Laufbodenkameras der ersten Jahrzehnte (z.B. Certolob, Certofix) liegt ein Schwerpunkt der Sammlung auf den (Mess)Sucherkameras im Kleinbildformat; u.a. die Dollina 0, Dollina 1 und die recht seltene Dollina 3 repräsentieren die Vorkriegsentwicklung, während u. a. mit Super Dollina 2 und Durata Modelle der frühen DDR-Zeit präsentiert werden. Im Mittelformat sind als besondere Exponate die Super Dolly Sport von 1936 und natürlich die Certo Six erwähnenswert. Auch die vollautomatische Certi von 1963 ist Teil des Museumsbestands. Die Modelle für den DDR-Massenmarkt (z.B. Certo-phot und die SL-Reihe) zeigen die ab den 1960ern eingenommene Rolle des Unternehmens. Abgerundet wird die Sammlung durch die Exa 1c, die zwar bei Certo gefertigt wurde, jedoch keine Eigenentwicklung der Firma war.
Die Firma Ihagee gehört zu den prägenden Namen der Dresdner Kameraindustrie. Ihre Geschichte steht beispielhaft für den Aufstieg Dresdens zu einem der weltweit bedeutendsten Zentren feinmechanisch-optischer Industrie – ebenso wie für die Brüche und Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Besonders mit der Marke Exakta setzte Ihagee technische Maßstäbe, deren Einfluss bis heute spürbar ist.
Gründung und Aufbauphase
Gegründet wurde die Ihagee 1912 in Dresden durch den aus den Niederlanden stammenden Kaufmann Johann Steenbergen. Der Firmenname leitete sich von der ursprünglichen Bezeichnung Industrie- und Handelsgesellschaft ab. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg begann das Unternehmen mit der Fertigung fotografischer Apparate, zunächst vor allem einfacher Plattenkameras (meist im Format 9 x 12 cm). Als Besonderheit der frühen Produktionsphase kann die für damalige Verhältnisse besonders kompakte Plattenkamera „Mikrobie“ im Format im Format 4,5 x 6 cm benannt werden (ähnliches Prinzip wie Hüttig/Ica „Atom“). Hervorzuheben ist der „Luminax“-Vergrößerer (1918), der als Ansatz an Plattenkameras montiert wurde.
Konsolidierung und Erweiterung der Produktpalette nach dem 1. Weltkrieg
Nach einer wirtschaftlichen Schieflage zum Ende des Krieges und einer hieraus resultierenden Neugründung entwickelte sich Ihagee in den 1920er-Jahren zu einem international anerkannten Kamerahersteller. Die Produktpalette wurde systematisch ausgebaut und umfasste nun eine Vielfalt verschiedenster Bauarten und Formate. Viele Modelle boten wurden in mannigfaltigen Objektiv- und Verschlussvariationen angeboten, was die Kameras flexibel einsetzbar machte. Der Export – insbesondere nach Westeuropa und in die USA – gewann zunehmend an Bedeutung.
Neben Platten- und Rollfilmkameras in klassischer Bauweise sollen nur einige Besonderheiten dieser Epoche exemplarisch benannt sein:
Paff-Reflex (ab 1921): einfache Boxkamera mit Lichtschachtsucher und Mattscheibenfokussierung war die erste Spiegelreflexkamera der Ihagee; Ausführung für Rollfilm (Roll-Paff-Reflex) und Platten (Plan-Paff-Reflex)
Ihagee Neugold (ab 1923): hochwertige (und hochpreisige) Laufbodenkameras aus Messing und Tropenholz für Platten in den Formaten 6.5 x 9cm, 9 x1 2cm und 10 x 15cm
Patent Klapp-Reflex (ab 1924): kompakte, weil klappbare, Spiegelreflexkamera im Plattenformat 6,5 x 9 cm mit schnellem Tuchschlitzverschluss (max. 1/1000 sec.), gedacht für den professionellen Fotografen
Zweiverschluss Duplex (ab 1927): Laufbodenkamera mit Zentralverschluss (auf Objektivstandarte) und Tuchschlitzverschluss (auf Fokalebene) in den Formaten 6.5 x 9 cm, 9 x 12 cm und 10×15 cm; Bildformat horizontal
Parvola (ab 1936): kleine Sucherkamera für den 127er Film in den Formaten 3 x 4 cm, 4 x 6,5 cm sowie als Zweiformatausführung, die beide Bildgrößen ermöglicht
Exakta (ab 1933) und Kine-Exakta (ab 1936)
Roll-Paff-Reflex von 1921 – zeitgenössiger Katalogausschnitt (für US-Markt)Neben Kameras stellte Ihagee fotografisches Zubehör verschiedenster Art her; u.a. Beleuchtungsaufsätze der Marke „Lumimax“, mit denen herkömmliche Laufbodenkameras zu Vergrößerungsgeräten umgewandelt wurden. [Abb. zeigt Titelseite eines Werbeprospekts der Ihagee]
Die ersten Exaktas: Spiegelreflex für 127er Rollfilm
Bereits vor der legendären Kleinbild-Exakta experimentierte Ihagee mit einäugigen Spiegelreflexkameras für Rollfilm. 1933 erschien die Exakta, ausgelegt für den 127er Rollfilm (Negativformat ca. 4×6,5 cm). Aufgrund des verwendeten Films wird die Kamera gerne als Vest Pocket Exakta oder Exakta VP bezeichnet in Abgrenzung zur später erschienenen Kine-Exakta für das Kleinbildformat. Wir möchten uns im Folgenden ebenfalls dieser Bezeichnung bedienen – wissend, dass diese nicht der zeitgenössigen Namensgebung entspricht.
Exakta (VP) Modell B von 1937 aus dem Bestand des Sächsischen Kameramuseums
Die Exakta VP verfügte bereits über:
einen Schwingspiegel zur exakten Bildkontrolle
einen Lichtschachtsucher
Wechselobjektive
eine für die Zeit erstaunlich kompakte Bauform
Die Vest Pocket Exakta richtete sich an ambitionierte Amateure und professionelle Fotografen. Sie bildete einen wichtigen technologischen Zwischenschritt. Viele konstruktive Lösungen – etwa der grundsätzliche Aufbau des Spiegelkastens – fanden später Eingang in die Kleinbild-Exakta. Ihagee sammelte hier entscheidende Erfahrungen im Bau serienreifer SLR-Kameras.
Der Durchbruch: Die Kine-Exakta und der Beginn der Spiegelreflexära im Kleinbild
Der entscheidende Wendepunkt in der Firmengeschichte kam 1936 mit der Vorstellung der Kine Exakta. Sie gilt als erste serienmäßig produzierte einäugige Kleinbild-Spiegelreflexkamera (SLR) der Welt. Damit betrat Ihagee technisches Neuland und beeinflusste die Kamerakonstruktion nachhaltig. Die Kine-Exakta bot bereits im Jahr 1936:
35-mm-Kleinbildfilm (perforierter Kinofilm)
Wechselobjektive mit Bajonettanschluss
Reflexsucher mit Schwingspiegel
umfangreiche Anschlussmöglichkeiten für Spezialzubehör
Besonders Wissenschaft, Medizin und technische Fotografie profitierten von diesen Neuerungen. Gleichzeitig sprach die Exakta auch ambitionierte Amateurfotografen an, die neue gestalterische Möglichkeiten suchten (und über die notwendige Liquidität verfügten). Kleinbild-SLRs dominierten in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit das Segment der Kameras für ambitionierte Amateure und professionelle Fotografen.
Kine-Exakta in Form der sogenannten „Reparations-Exakta“ aus dem Jahr 1946 (aus Museumsbestand)
Krieg, Zerstörung und Neubeginn
Der Zweite Weltkrieg brachte die zivile Kameraproduktion erneut nahezu zum Erliegen. Die Dresdner Werke wurden bei Luftangriffen schwer beschädigt. Nach 1945 begann der mühsame Wiederaufbau unter völlig veränderten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Ihagee wurde in Dresden als Ihagee Kamerawerk AG i. V. [in Verwaltung] weitergeführt und später in die volkseigene Industrie der DDR eingegliedert. Die unmittelbare Nachkriegsproduktion diente primär den an die sowjetische Besatzungsmacht zu liefernden Reparationsleistungen („Reparations-Exakta“). Dies führte immerhin dazu, dass die Produktionsanlagen (soweit nicht zerstört) in Dresden verblieben und eine Produktion der Kine-Exakta bereits 1945 wieder aufgenommen wurde.
Gleichzeitig entstanden in Westdeutschland separate Unternehmensstrukturen, was zu langjährigen Namens- und Markenrechtskonflikten führte.
In den 1950er-Jahren erreichte das Exakta-System seinen technischen Höhepunkt. Mit der Exakta Varex führte Ihagee ein konsequent modulares Kamerasystem ein. Wechselbare Sucher – darunter Prismensucher, Lichtschachtsucher und Spezialaufsätze – machten die Kamera für unterschiedlichste Einsatzbereiche nutzbar.
Parallel zur Exakta wurde ab 1951 die deutlich abgespeckte EXA angeboten, welche mit ihrem simplen Klappverschluss eine günstige Systemkamera für den heimischen Markt darstellte. Schnell entwickelte sich diese Kamera zu einem nachgefragten Modell, sodass 1955/56 eine Lizenzproduktion durch Rheinmetall Sömmerda erfolgte. Auch wenn die EXA kein Innovationsträger war, stellte sie nicht nur ein äußerst volumenstarkes Produkt für die Ihagee dar, sondern erfüllte eine besondere Rolle für die Versorgung des Konsumgütermarkts der DDR, der nach dem Volksaufstand von 1953 in den Fokus des Politbüros rückte. Insbesondere die Exa 1a und 1b wurden in hohen Stückzahlen produziert. 1960 wurde mit der Exa II eine weitere Produktlinie zwischen EXA 1 und Exakta platziert, die über eine schnelleren (Tuchschlitz)Verschluss als die Exa verfügte, jedoch keinen wechselbaren Sucher anbot (festes Prisma). Auch diese Kamera (einschließlich ihrer leicht modifizierten Folgemodelle) wurde bis 1969 in großen Stückzahlen gefertigt und bediente in wesentlichen Teilen den heimischen Markt der DDR bzw. der RGW-Staaten.
Späte Jahre und Bedeutungsverlust
Ab den 1960er-Jahren geriet Ihagee zunehmend unter Druck. Internationale Hersteller – insbesondere aus Japan – brachten modernere, benutzerfreundlichere Spiegelreflexkameras auf den Markt. Innerhalb der DDR erschwerten zentrale Planvorgaben, Materialengpässe und langsame Innovationszyklen die Weiterentwicklung. Es entstanden zwar weiterhin Exakta-Modelle (zuletzt 1967 die VX 1000 und VX 500), doch der technologische Vorsprung war verloren gegangen. Nennenswerte technische Innovationen erfuhren die Ihagee-Kameras ab Mitte der 1950er-Jahre nicht mehr.
Mit der Eingliederung in den VEB Pentacon verlor Ihagee 1969 seine Eigenständigkeit. 1970 endete die Produktion der Exakta VX1000/500, während die Exa 1b im VEB Pentacon bis Ende der 1980er-Jahre (zuletzt als 1c) hergestellt wurde. Ihagee steht wie kaum ein anderes Unternehmen für den Mut zur Innovation und die internationale Bedeutung der Dresdner Kameraindustrie. Die Exakta markiert einen Wendepunkt in der Fototechnik und ist bis heute ein Meilenstein der Industriegeschichte. Gleichwohl verkörpert auch kaum ein anderes Dresdner Unternehmen wie die Ihagee den Niedergang der ostdeutschen Kameraindustrie durch mangenden Innovationsschub ab den 1960er-Jahren.
Ihagee im Sächsischen Kameramuseum
Im Bestand des SKM befinden sich zahlreiche Modelle der Ihagee, sowohl aus der Vor- wie auch Nachkriegszeit. Neben Kine-Exakta (Vor- und Nachkriegsproduktion) wird die Entwicklung dieses zentralen Modells durch verschiedene Exponate der Exakta Varex-Varianten und verschiedene Ausführungen der EXA dokumentiert (einschließlich Systemzubehör). Zudem befinden sich verschiedene Produkte der Ihagee aus der Anfangs- und Zwischenkriegszeit im Museumsbestand (u.a. Photoklapp 9×12, Zweiverschluss-Duplex, Exakta VP Modell B, Parvola, Ultrix).
Auch hier wird der Museumsbestand fortwährend erweitert und konnte zuletzt durch die Parvola ergänzt werden. Gleichwohl werden weiterhin wichtige Exponate zur Sammlungsergänzung gesucht (z.B. Klapp-Reflex aber auch verschiedene Exakta-Ausführungen).
Wenn man über Dresdens Kameraindustrie spricht, fallen schnell die „Großen“ – doch gerade die kleineren Betriebe erzählen oft die spannendsten Geschichten. Eine davon beginnt 1904 und führt über EHO-Boxkameras, das Amca-Camera-Werk bis hin zur Altissa und den bekannten Altix-Kleinbildkameras.
1904–1926: Die Anfänge bei Richard Knoll
Den Ursprung bildet die „Photographische Manufaktur Ingenieur Richard Knoll“, gegründet1904 in Dresden. Hier entstanden zunächst fotografische Artikel und Geräte in eher manufakturartigen Strukturen. Bemerkenswert ist, dass der Manufakturbetrieb in einer Zeit eröffnet wurde, in der auch die Kameraproduktion einen Prozess der Industrialisierung durchlaufen ist. Insbesondere die großen Hersteller, wie Hüttig, Ernemann und Wünsche, fertigten ihre Produkte mittlerweile weitestgehend industriell in entsprechenden Stückzahlen.
1926 übernimmt Emil Hofert den Betrieb; 1927 lautet die Firmierung „Fabrik photographischer Artikel Emil Hofert vorm. Richard Knoll“. Hofert setzt bewusst auf einen Kameratyp, den viele Dresdner Konkurrenten zu jener Zeit kaum bedienen: Boxkameras – einfach, robust, preiswert. Seine Leitidee: Auch Menschen mit kleinem Geldbeutel sollen eine einfach zu bedienende, aber ordentlich arbeitende Kamera erwerben können. Ab 1931 wird daraus die „Eho Kamera-Fabrik GmbH“ – der Name EHO (oft als Markenlogo auf der Front) wird zum festen Begriff.
Der Hersteller brachte eine ganze Reihe typischer Rollfilm-Boxen (meist 120er Rollfilm, 6×9 cm) heraus, wie zum Beispiel:
EHO Box 152 (um 1932): 6×9-Boxkamera, häufig mit EHO Duplar 1:11/110 mm, einfacher Rotationsverschluss.
EHO Box 180 (späte 1930er): klassische 6×9-Box, zeitgenössisch als sehr solide Gebrauchskamera bekannt; Preisangaben in RM zeigen den Anspruch, erschwinglich zu bleiben.
Solche Kameras stehen heute vielleicht nicht für „High-End“, aber sie sind Zeitzeugen dafür, wie die Fotografie alltagstauglich wurde – denn für viele Menschen waren die besser ausgestatteten Klapp- und Laufbodenkameras der damaligen Zeit nicht im Budget – ganz zu schweigen von den hochwertigen Leicas, Contax oder Exaktas, die für die meisten Zeitgenossen ein unerfüllbarer Traum blieben.
Eine unter Sammlern beliebte Besonderheit ist die EHO Stereo-Box. Wie der Name es schon verrät handelte es sich hierbei um eine Boxkamera mit Doppelobjektiv, die einen verhältnismäßig günstigen Einstig in die eigentlich teure Stereofotografie ermöglichte.
Nach Hofert: Berthold Altmann, Amca und der Schritt zur Kleinbildkamera
Nach Emil Hoferts Zeit übernimmt Berthold Altmann die Firma (in verschiedenen Quellen wird das um Herbst 1934/Januar 1935 verortet). Der Betrieb hat Mitte der 1930er Jahre etwa 60 Beschäftigte – für Dresdner Verhältnisse ein kleiner, aber ernstzunehmender Hersteller. Altmann versucht nun, aus der reinen „Boxkamera-Nische“ herauszukommen. Neben wachsenden Ansprüchen der Käuferschaft hat sich auch das Marktumfeld mittlerweile gewandelt. Die meisten Hersteller führten nunmehr auch Boxkameras in ihrem Portfolio. Teilweise wurden diese besonders günstig auf den Markt gebracht, um im Nachgang vom Absatz der Filme profitieren zu können. Das prominenteste Beispiel für diese Marktstrategie ist die „4-Mark-Box“ der AGFA. Unter den Bemühungen, das Sortiment über das Niveau einfacher Boxkameras anzuheben, sind vier Modelle hervorzuheben. Zum einen entwickelte EHO Boxkamera-Modelle weiter. Hier ist zum einen die Altissa-Box zu benennen, deren Funktionsumfang weiterhin in der üblichen Leistungsklasse einer Boxkamera lag, jedoch zur deutlich komfortableren Arbeit einen großen Durchsichtsucher besaß, der auf der Gehäuseoberseite angebracht war. Zum anderen soll die Super Altissa Erwähnung finden: Ebenfalls im Grunddesign eine Boxkamera, aber mit einem Zentralverschluss mit der schnellsten Verschlusszeit von 1/100s sowie einem fokussierbaren Objektiv mit Lichtstärke 3.5 oder 4.5 ausgestattet, kann diese Kamera als Übergang zwischen Box und klassischer Rollfilmkamera angesehen werden. Mit der Altiflex betrat EHO 1937 das Segment der zweiäugigen Spiegelreflexkameras (TLR). Bezüglich der technischen Ausstattung und Leistungsmerkmale kann die Kamera mit der bekannteren Reflekta der Firma Richter aus Tharandt verglichen werden. Bereits 1938 folgte eine leicht verbesserte Altiflex 2, die nunmehr über eine Doppelbelichtungssperre und eine zusätzlichen Sportsucher verfügte. Die bedeutendste und nachhaltigste Innovation stellte jedoch die im Jahr 1938 vorgestellte Altix dar. Mit diesem Modell präsentierte das Unternehmen seine erste Kleinbildkamera. Die Altix ist der große Name, der aus dieser Firmengeschichte herausragt. Kriegsbedingt wird die Fertigung früh wieder eingestellt, jedoch 1947 wieder aufgenommen. Ihre Blüte erlebt die Kamera in den 1950er-Jahren, in denen sie eine bedeutende Rolle für den heimischen Konsumgütermarkt der DDR spielt und stetig weiterentwickelt wird.
1940 wählt Altmann den Namen „Amca-Camera-Werk Berthold Altmann“ (Amca = Altmann-Cameras). 1941 setzt sich schließlich der Name Altissa durch – der Markenname, der bis heute am bekanntesten geblieben ist. Während des Zweiten Weltkriegs wird – wie bei vielen Betrieben – die Produktion auf Rüstungsgüter umgestellt. Das Werk wird bei den Luftangriffen im Februar 1945 nahezu vollständig zerstört.
1946–1952: Neubeginn in Dresden – Altissa und die Rückkehr der Altix
Trotz der Zerstörung gelingt 1946/47 ein Neustart: rund 30 ehemalige Mitarbeiter nehmen die Arbeit am Standort Blasewitzer Straße 17 wieder auf. Ab 1948 läuft die Fertigung teils unter dem Namen ALDO-Feingeräte GmbH (u. a. Zubehör, Mikroskope). Gleichzeitig gewinnt die Kameraproduktion wieder an Bedeutung.
1952–1959/60: Verstaatlichung, VEB Altissa – Wachstum und Modellvielfalt
1952 wird der Betrieb verstaatlicht und firmiert als VEB Altissa-Camera-Werk (bzw. in Varianten der VEB-Bezeichnung). In dieser Phase wächst das Werk deutlich: für 1951 werden etwa 160 Beschäftigte, für 1953 rund 300 genannt.
Neben den Altix-Kameras gibt es weiterhin einfache Kameras für den breiten Markt, etwa die Altissa-Box (bis ca. 1957): kleine 6×6-Boxkamera, z. B. mit Altissar Periskop 1:8, Fixfokus und einfachem Verschluss (B und ca. 1/25 s), wie sie bereits vor dem Krieg produziert wurde.
In den 1950er Jahren entsteht eine ganze Reihe von Altix-Varianten – heute ein dankbares Sammelgebiet:
Altix I (ab 1938; nach 1947 wieder): früher Einstieg in die Kleinbildfotografie.
Altix II (1948)
Altix III (1949)
Altix IIIA (1950; Einführung des 24×36-Formats)
Altix IV (1952)
Altix V (1954; Einführung wechselbarer Objektive mit Altix-Bajonett)
Altix-n und Altix-nb (1958), wobei das „b“ für (zunächst aufgesetzten, später integrierten) Belichtungsmesser steht.
Bis zur Altix III sind quadratische Aufnahmen (24×24 mm) typisch; ab der Altix IIIA setzt sich 24×36 mm durch – also das klassische Kleinbildformat.
Eine weniger bekannte Besonderheit ist die Altuca; eine Tubuskamera für 120er-Film im Aufnahmeformat 6 x 6 cm, die Mitte der 1950er-Jahre gefertigt wurde.
1959–1960: Eingliederung – das Ende der Selbstständigkeit
1959 wird das Altissa-Werk in den Großbetrieb VEB Kamera- und Kinowerke Dresden eingegliedert (später Teil der Pentacon-Strukturen). Damit endet die rechtliche Eigenständigkeit; die Produktion unter dem Markennamen Altissa läuft in der Folge aus – um 1960 ist diese Phase im Kern abgeschlossen.
EHO/Altissa im Sächsischen Kameramuseum
Das SKM verfügt über einen interessanten Bestand an Kameras der EHO bzw. Altissa. Neben verschiedenen Vor- und Nachkriegsmodellen der Altissa-Box (u.a. die seltene Ausführung mit Lichtschachtsucher) befindet sich auch eine Altiflex 2 im Musemsbestand. Einen logischen Schwerpunkt der Sammlung bilden die verschiedenen Altix-Ausführungen. Erst kürzlich zugegangen ist zudem die Altuca-Rollfilmkamera. Gesucht werden insbesondere die Super-Altissa und Altix 1, aber auch die verschiedenen Ausführungen der klassischen Boxkameras.
Die Mentor‑Kamerafabrik – offiziell „Goltz & Breutmann OHG Fabrik photographischer Apparate“ – war ein bedeutender deutscher Kamerahersteller mit Sitz in Dresden, dessen Produkte vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1970er‑Jahre hinein professionellen und ambitionierten Fotografen dienten. Der Ruf des Herstellers basierte primär auf dessen großformatigen Spiegelreflexkameras, die über mehrere Jahrzehnte weite Verbreitung in Fotostudios fanden.
Frühzeit und wirtschaftliche Herausforderungen
Gegründet wurde das Unternehmen 1898 in Berlin von Hugo Breutmann, einem Feinmechaniker, der ein Werk für fotografische Apparate aufbaute. Bereits 1899 trat der kaufmännisch versierte Frantz Goltz als Mitinhaber bei. Der Betrieb produzierte früh moderne Schlitzverschluss‑Kameras, die sich technisch von vielen Mitbewerbern abhoben. Goltz schied bereits in den Berliner Jahren wieder aus dem Unternehmen aus. An seine Stelle trat der Geschäftsmann Gustav Adolf Heinrich. Diese Änderung in den Besitzverhältnissen führten jedoch nicht zur Änderung des Firmennamens.
1906 verlegte Goltz & Breutmann den Betrieb nach Dresden in das damalige Zentrum der deutschen Kameraindustrie. Dort wuchs das Unternehmen in einem Umfeld auf, das durch starke Konkurrenz geprägt war: Neben Firmen wie ICA und Ernemann versuchten zahlreiche kleinere Hersteller, ihren Platz zu finden.
Die wirtschaftliche Lage in den 1920er und frühen 1930er Jahren war geprägt von großer Instabilität: Inflation, schwankende Nachfrage im Kameramarkt und der zunehmende Konkurrenzdruck – gerade durch große Marken wie Zeiss Ikon – führten zu Belastungen. Nach der Weltwirtschaftskrise ab 1929 geriet das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten; der damalige Geschäftsführer Adolf Heinrich verstarb im Jahr 1935, was die Lage zusätzlich verschärfte und zum Niedergang des Unternehmens führte.
Schließlich übernahm 1944 der Mechanikermeister Rudolf Großer die Konkursmasse der Mentor‑Kamerafabrik und setzte mit einem kleinen Team von 15 Mitarbeitern die Produktion fort – als Einzelfertigung und in deutlich reduzierter Kapazität. Dies war kein sofortiger Neustart großer Serienfertigung, sondern vielmehr ein beharrliches Bemühen, die Marke am Leben zu halten.
Bedeutende Modelle vor dem Zweiten Weltkrieg
In den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg baute Mentor eine Reihe technisch interessanter Kameras, die sich vor allem an professionelle Anwender richteten:
Mentor Reflex (9×12 cm) – klassische Platten‑SLR aus den 1910er bis 1930er Jahren, die robust und zuverlässig im Atelier‑ und Portraitbetrieb eingesetzt wurde.
Mentor Klapp-Reflex – eine einäugige Spiegelreflexkamera mit drehbarem Kassettenrahmen zur Hoch‑ und Querformat‑Aufnahme; sie bot Wechselobjektive und einen mechanischen Schlitzverschluss mit bis zu 1/1300 s und wurde ab 1913 in verschiedenen Formaten von 6,5 x 9 cm bis 13 x 18 cm gefertigt.
Mentor Stereo-Reflex – Stereo-Spiegelreflexkamera im Format 9 x 18 cm, produziert in den 1920er-Jahren.
Mentor Dreivier – eine kompakte Sucherkamera für 127 Rollfilm (3×4 cm), typisch für die Übergangszeit zur Rollfilmfotografie.
Mentorett (ca. 1935–36) – eine seltene TLR‑artige Zweiäugige Spiegelreflexkamera für 6×6 cm, mit besonderen mechanischen Lösungen für Filmtransport und Verschlusszeiten, die den Mitbewerbern eigene Wege bot.
Diese Modelle zeigen das breite Spektrum der Vorkriegsproduktion von Mentor: von großformatigen Atelier‑SLRs bis zu kompakteren Rollfilmkameras, die sich in Gestaltung und Funktion stark voneinander unterschieden. Kernbereich bleib aber stets das Großformat, während man in den übrigen – hart umkämpften – Segmenten nicht nachhaltig fußfassen konnte.
Krieg, Wiederaufbau und DDR‑Periode
Der Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 zerstörte große Teile der Fabrik. Großer, der zu diesem Zeitpunkt bereits die Fertigung in kleinem Umfang wieder aufgenommen hatte, musste praktisch von null beginnen. Schon 1945 setzte er mit wenigen Mitarbeitern Reparatur‑ und Produktionsarbeiten fort, die schließlich 1948 in die Vorstellung der ersten nachkriegsgefertigten Atelier‑Spiegelreflexkamera im Format 9×12 cm mündeten, kurz darauf ergänzt um ein Modell für 6,5×9 cm.
In den 1950er Jahren erweiterte Mentor das Angebot: So entstand um 1953 eine Reisekamera im Format 13×18 cm, die jedoch aufgrund fehlender Studioeigenschaften nicht den gewünschten Markterfolg brachte.
Ein technisch interessantes Nachkriegsmodell war die Mentor Studio (13×18 cm) – eine transportable Laufbodenkamera mit doppeltem Auszug und vielseitigen Verstellmöglichkeiten. Ihre Konstruktion mit Fokalebenenverschluss ermöglichte die Nutzung unterschiedlichster Objektive, auch historischer Typen. Dieses Modell blieb bis in die 1970er‑Jahre in Produktion und wurde später unter dem VEB‑Namen weitergebaut.
1965 erschien die letzte neue Kamera der Mentor-Werke. Mit den Modellen Panorama 1 und 2 wurde erstmalig in der DDR eine Großformatkamera auf dem Prinzip der optischen Bank produziert, wie sie in der BRD u.a. von Linhof angeboten wurde – mit einem wesentlichen Unterschied: Auch bei der Panorama setzte Mentor auf den Schlitzverschluss auf Fokalebene und blieb damit seiner Konstruktionstradition treu. Dies war nicht zuletzt auf den Mangel an geeigneten Zentralverschlüssen in der DDR zurückzuführen. Gleichwohl bot dieses Prinzip weiterhin den Vorteil eine Vielzahl an Objektiven an der Kamera einsetzen zu können.
Verstaatlichung und Ende der Marke
Nach dem Tod Rudolf Großers 1968 übernahm sein Sohn Claus den Betrieb. Durch die wirtschaftliche Entwicklung der DDR wurde 1972 eine Verstaatlichung durchgeführt und die Firma als VEB Mentor Großformat‑Kameras Dresden weitergeführt. Ab 1980 wurde das Unternehmen in das Kombinat VEB Pentacon Dresden eingegliedert, wodurch der ursprüngliche Name „Mentor“ als eigenständige Marke endete, auch wenn die Produktion von Großformatkameras innerhalb des Kombinats fortbestand.
Dresden war über Jahrzehnte hinweg ein Zentrum der optischen Industrie, und ein Name, der eng mit dieser Tradition verbunden ist, ist Ernemann. Das Unternehmen, das Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, zählte zu den führenden Herstellern von Foto- und Filmkameras und leistete – im Wettstreit mit dem lokalen Konkurrenten ICA – einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der modernen Fototechnik.
Heinrich Ernemann – Der Visionär hinter dem Unternehmen
Johann Heinrich Ernemann wurde am 28. Mai 1850 in Gernrode im Eichsfeld geboren. Er war ein deutscher Unternehmer und Erfinder in der Foto- und Kinogeräteindustrie sowie Gründer der Ernemann-Werke AG. 1876 kam Ernemann nach Dresden und übernahm dort ein Kurzwarengeschäft. 1889 verkaufte er dieses und wurde Teilhaber der Kameratischlerei von Wilhelm Franz Matthias an der Pirnaer Straße. Dieses Unternehmen entwickelte sich später zu den renommierten Ernemann-Werken.
Die Anfänge und Aufstieg zum international bedeutsamen Hersteller
Anfangs spezialisierte sich das Unternehmen auf die Produktion von Fotokameras und Projektoren. Dank innovativer Entwicklungen und einer hohen Fertigungsqualität wuchs Ernemann schnell. Heinrich Ernemann verzichtete im Jahr 1909 auf die Einbringung seines Unternehmens in die neu gegründete Internationale Camera Actiengesellschaft (ICA), die sich in Dresden aus den wesentlichen Mitbewerbern formierte. Die ICA entstand durch den Zusammenschluss der Hüttig AG Dresden, der Emil Wünsche AG Dresden, der Kamerafabrik Krügener in Frankfurt am Main und der Abteilung Palmos Camerabau von Carl Zeiss Jena. Getrieben wurde dieser Fusionsprozess durch Carl Zeiss in Jena. Der Konzern verfolgte die Strategie, durch Fusionen und feindliche Übernahmen eine marktbeherrschende Stellung in der Optik-, Foto- und Kinoindustrie zu erlangen bzw. zu verfestigen. Mit dieser Zielstellung strebte Zeiss auch die Eingliederung der Firma Ernemann in die ICA an. Heinrich Ernemann folgte jedoch nicht dem Lockruf aus Jena und entschied sich für die Eigenständigkeit seines Unternehmens, dass im Jahr 1909 bereits zu den weltweit größten Kameraherstellern zählte. Die Ernemann AG blieb nicht nur unabhängig, sondern auch einer der bedeutendsten Mitbewerber der ICA. Diese Konkurrenz der beiden großen Dresdener Hersteller trug wesentlich zum Innovationsschub des Kamerabaus an der Elbe bei und festigte weiter die international herausstechende Rolle des sächsischen Kamerabaus.
Besonders bekannt wurde Ernemann durch seine Plattenkameras, die für ihre Robustheit und Präzision geschätzt wurden. Auch im Bereich der Filmprojektoren setzte das Unternehmen Maßstäbe. Diese Entwicklung wurde durch die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Krupp-Konzern nach dem 1. Weltkrieg beflügelt und leistete einen ganz erheblichen Beitrag zum Weltruhm der Firma Ernemann.
Innovation und das Markenzeichen: Der Ernemann-Turm
Zu den herausragenden Innovationen des Unternehmens gehörten unter anderem die Ernemann Spiegelreflexkameras und die Einführung der Hochgeschwindigkeitsobjektive Ernostar, die besonders in der professionellen Fotografie große Anerkennung fanden. Ein Symbol der Firma war der markante Ernemann-Turm, der heute noch als Wahrzeichen des ehemaligen Werksgeländes in Dresden steht. Das Werk an der Schandauer Straße wurde 1898 bezogen und steht wie kein anderes Gebäude für die Bedeutung, aber auch den Wandel, der Dresdner Fotoindustrie. Heute beherbergt es die Technischen Sammlungen der Stadt Dresden, die sich u.a. mit einer sehr sehenswerten Ausstellung der Fotostadt Dresden widmen.
Die Bedeutung der Ernemann-Kinoprojektoren
Heinrich Ernemann erkannte früh das Potenzial der Kinematographie und begann bereits 1903 mit der Produktion von Kinogeräten. Ein bedeutender Meilenstein war die Einführung des „Imperator“ im Jahr 1909, des ersten vollständig aus Stahl gefertigten Kinoprojektors. Dieses robuste Design setzte neue Standards in der Branche und wurde in verschiedenen Ausführungen produziert. Ein Exemplar des „Imperator“ kann im Filmmuseum Potsdam besichtigt werden.
Ein weiterer technischer Durchbruch gelang mit dem „Ernemann VII B“ in den 1930er Jahren. Dieser Projektor, der für große Filmtheater konzipiert war, integrierte erstmals die Abtastung des Lichttons direkt im Laufwerk, was die Synchronisation von Bild und Ton erheblich verbesserte. Er wurde bis in die 1940er Jahre produziert und galt als technischer Meilenstein in der Filmprojektionstechnik.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Zeiss-Ikon AG die Produktion von Filmprojektoren unter dem Markennamen Ernemann fort. Modelle wie der „Ernemann VIII“, „VIIIb“, „IX“, „X“ und „12“ bauten auf dem Erfolg des „Ernemann VII B“ auf. Diese Projektoren zeichneten sich durch ihre hohe Haltbarkeit aus und waren bis in die 1970er Jahre in Kinos weltweit im Einsatz.
Besondere Kameramodelle und technologische Errungenschaften
Ernemann brachte zahlreiche bemerkenswerte Kameramodelle auf den Markt, die sich an unterschiedlichste Zielgruppen und Anforderungen richteten. Dazu gehörten:
Ernemann Heag: Reihe unterschiedlich ausgestatteter Plattenkameras in den Formaten 4,5×5 bis 13×18, die weite Verbreitung fanden und in ihren günstigen Modellreihen unter Amateurfotografen beliebt waren.
Ernemann Bob: Kompakte Faltkameras (für Rollfilm und Platten) für den gehobenen Amateurmarkt, die in unterschiedlichen Formaten und Ausstattungen seit ca. 1900 angeboten wurden. Die Abbildung zeigt eine Bob 0 und wurde einem Katalog aus dem Jahr 1912 entnommen.
Ernemann Klapp und Klapp-Miniatur: Hochwertige Klappkameras mit schnellem Tuchschlitzverschluss und Durchsichtsucher. Wurde seit 1901 in verschiedenen Ausführungen gefertigt. Besonders funktional und transportabel, ideal für Reisefotografie.
Ermanox: Eine Kamera mit dem legendären Ernostar-Objektiv, das außergewöhnlich lichtstark war und die Fotografie bei schlechten Lichtverhältnissen revolutionierte.
Fusion und Weiterführung als Zeiss Ikon
1926 fusionierten die Ernemann-Werke mit der Optischen Anstalt C. P. Goerz, der ICA und Contessa-Nettel zur Zeiss Ikon AG. Mit dieser Fusion endete nach 37 Jahren die Geschichte des Familienunternehmens Ernemann.
Auch nach der Fusion blieben die Ernemann-Produkte ein Synonym für höchste Qualität. Viele der damaligen Entwicklungen fanden Eingang in die späteren Modelle der Zeiss Ikon-Kameras. So wurde die beispielsweise die Ermanox noch bis Anfang der 1930er als Spitzenprodukt der Zeiss Ikon gebaut und vertreiben. Mit der Zeit mussten jedoch auch zahlreiche Ernemann-Modelle der logischen und gewiss auch notwendigen Konsolidierung der Produktpalette weichen. Insbesondere bedeutete der Verlust der Eigenständigkeit nach 1926 ein Ende der Objektivproduktion, welche im Zeiss-Konzern den Jenaer und Saalfelder Standorten vorbehalten war. Auch die Zentralverschlussfertigung mit den beliebten und leistungsstarken Chronos-Modellen der Ernemann-Werke fand im neuen Unternehmen keinen Platz mehr. Diese wichtigen Teile flossen dem mitteldeutschen Kamerabau nun mehr fast ausschließlich aus den Häusern Gauthier und Deckel zu, die ebenfalls eng mit Zeiss verbunden waren. Ebenfalls nicht gehalten wurde Ernemanns Produktion photographischer Platten, welche 1928 eingestellt wurde. Das Plattenwerk in Bannewitz wurde anschließend für die Herstellung anderer Zeiss-Ikon-Produkte weitergenutzt.
Ernemanns Erbe in der modernen Fotografie
Obwohl der Name Ernemann als eigenständige Marke nach der Fusion verschwand (mit Ausnahme der Modellbezeichnung einiger Kinoprojektoren), bleibt sein Vermächtnis in der Geschichte der Fotografie lebendig. Die technischen Errungenschaften und die Innovationskraft des Unternehmens legten den Grundstein für viele Entwicklungen in der Kameratechnik. Heute erinnern der Ernemann-Turm in Dresden und zahlreiche erhaltene Kameramodelle an die Glanzzeit dieses Pioniers der Fotografie.
Mit seiner Innovationskraft, seiner Präzision und seinem Einfluss auf die Kameratechnik hat Ernemann ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte der Fotografie geschrieben. Mit der Übernahme durch Zeiss Ikon wurden die Ressourcen und Kompetenzen der Branche am Standort Dresden weitergebündelt und einer der weltweit bedeutsamsten Konzerne der damaligen Zeit gebildet. Gleichzeitig führte die Aufgabenteilung im Konzern aber gleichzeitig auch erstmals zu einem Kompetenzverlust im sächsischen Raum. Dies gilt insbesondere für die Fertigung von Zentralverschlüssen und den Objektivbau.
Die Internationale Camera Actiengesellschaft, kurz ICA, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der größten Kamerahersteller weltweit. 1909 in Dresden gegründet, entstand das Unternehmen aus dem Zusammenschluss mehrerer renommierter Kameraproduzenten: Hüttig AG, Wünsche AG, Krügener sowie der Palmos-Kamerabauabteilung der Carl Zeiss Jena. Ziel war es, die Kräfte zu bündeln und der wachsenden Konkurrenz in der Fotobranche mit einer starken Marke entgegenzutreten.
1912 erweiterte ICA ihr Geschäft durch die Eingliederung des Schweizer Herstellers Zulauf, wodurch die internationale Marktstellung weiter ausgebaut wurde. In den 1920er Jahren intensivierte ICA zudem die Zusammenarbeit mit Contessa-Nettel (Stuttgart), was bereits vor der Fusion zur Zeiss Ikon AG eine enge Verbindung zwischen den Unternehmen schuf und den technologischen Austausch förderte. Durch diese Entwicklungen wurde ICA zur dominierenden Kraft auf dem europäischen Kameramarkt und konnte sich mit innovativen Entwicklungen international etablieren. Gleichzeitig bedeutete die Gründung der ICA mit der Verschmelzung der beiden Dresdener Hersteller Wünsche und Hüttig nicht nur den ersten großen Konzentrationsprozess innerhalb der sächsischen Kameraindustrie, sondern ebenso einen wachsenden Einfluss der Carl Zeiss Jena, als bedeutende Gesellschafterin der ICA.
Innovationen und Produktvielfalt
ICA war bekannt für eine breite Palette an Kameramodellen, die von einfachen Amateurgeräten bis hin zu professionellen Großformatkameras reichte. Besonders populär waren die Klappkameras, die eine kompakte Bauweise mit leistungsfähiger Optik kombinierten. Ebenso trugen Plattenkameras und Spezialgeräte zur großen Beliebtheit der Marke bei.
Eine weitverbreitete Modellreihe war die ICA Ideal, elegante Plattenkameras der verschiedenen gängigen Platten- bzw. Planfilmformate mit doppeltem Auszug, die hohe Bildqualität mit einfacher Handhabung verbanden. Gerichtet waren diese Modelle insbesondere an ambitionierte Amateurfotografen. Auch Stereokameras und Reisekameras gehörten zum Portfolio, was die Innovationskraft der Firma unterstrich. Zudem stellte ICA hochpräzise technische Kameras her, die für wissenschaftliche und industrielle Anwendungen genutzt wurden.
Ein wichtiger Aspekt der Produktstrategie von ICA war die Fortführung und Weiterentwicklung bewährter Modelle der Vorgängerunternehmen. So wurden beispielsweise Kameramodelle der Hüttig AG und Wünsche AG modernisiert und mit neuen technischen Features versehen. Gleichzeitig brachte ICA eigene Neuentwicklungen auf den Markt, darunter verbesserte Klappkameras mit robusteren Gehäusen und optimierten Verschlussmechanismen. Auch im Bereich der Spezialkameras leistete ICA Pionierarbeit, etwa mit technischen Kameras für wissenschaftliche Zwecke.
Neben den hochwertigen Kameras bot ICA auch eine Vielzahl an Zubehörteilen an, darunter Stative und Belichtungsmesser, die das Fotografieren für Amateure und Profis gleichermaßen erleichterten. Projektoren und Vergrößerungsgeräte gehörten ebenso zum Portfolio des Herstellers.
Die Objektive für ICA-Geräte wurden von namhaften Herstellern wie Carl Zeiss, Goerz und Meyer Görlitz zugekauft.
Fusion zur Zeiss Ikon
Trotz ihres Erfolgs blieb ICA nicht lange als eigenständiges Unternehmen bestehen. 1926 fusionierte sie mit Ernemann, Contessa-Nettel und Goerz zur legendären Zeiss Ikon AG, die fortan den Weltmarkt dominierte. Viele der ICA-Konstruktionen flossen in das Produktprogramm von Zeiss Ikon ein und prägten die Kamerageschichte nachhaltig. Die traditionsreichen Produktionsstätten in Dresden wurden weiter genutzt und trugen wesentlich zur Innovationskraft der neuen Marke bei.
Erbe und Bedeutung
Heute sind ICA-Kameras begehrte Sammlerstücke, die die Innovationskraft der frühen Dresdner Kameraindustrie widerspiegeln. Museen und Liebhaber bewahren die Erinnerung an diese traditionsreiche Marke, die einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Fotografie geleistet hat. Die hohe Qualität und das außergewöhnliche Design der ICA-Kameras machen sie auch heute noch zu begehrten Objekten unter Sammlern und Fotografie-Enthusiasten.
Besucher unseres Kameramuseums können eine Auswahl originaler ICA-Kameras bewundern und mehr über die spannende Geschichte dieses Pioniers der Kameratechnik erfahren.
Die Hüttig AG war ein bedeutender Kamerahersteller in Dresden und spielte eine zentrale Rolle in der Entwicklung der deutschen Fotoindustrie. Besonders bemerkenswert ist der Wandel des Unternehmens von einer handwerklichen Werkstatt zur industriellen Massenfertigung, der exemplarisch für die gesamte Branche steht.
Die Anfänge: Von der Tischlerei zur Kamera-Manufaktur
Richard Hüttig, ursprünglich Tischler, begann seine Karriere in Berlin, wo er 1862 eine eigene Werkstatt für fotografische Apparate eröffnete. In dieser Zeit war die Kameraproduktion stark handwerklich geprägt: Jede Kamera wurde individuell gefertigt, oft als Einzelstück oder in sehr kleinen Serien. Hüttigs handwerkliches Geschick und sein Verständnis für Holzverarbeitung ermöglichten es ihm, präzise und langlebige Kameragehäuse herzustellen, die schnell gefragt waren.
Aufgrund der wachsenden Konkurrenz in Berlin entschied er sich 1887, nach Dresden zu ziehen. Dort gründete er die „Kunsttischlerei photographischer Apparate Richard Hüttig & Sohn“ und begann mit der Serienproduktion von Kameras. Bereits 1891 war Hüttig der größte Kamerahersteller in Dresden. Mit dem Umzug nach Dresden begann sich die Produktion schrittweise zu verändern: Erste Mechanisierungen wurden eingeführt, um den steigenden Bedarf an Kameras zu decken.
Expansion und der Übergang zur Industrialisierung
1896 verlegte das Unternehmen seinen Sitz an die Schandauer Straße 76 in Dresden-Striesen und begann mit der Erweiterung der Produktionskapazitäten. In dieser Phase fand der entscheidende Wandel von der reinen Manufaktur zur industriellen Fertigung statt. Entscheidende Neuerungen waren:
Modularisierte Bauweise: Statt jede Kamera als Einzelstück zu fertigen, wurden standardisierte Bauteile verwendet, die in größeren Mengen produziert wurden.
Einsatz von Maschinen: Mechanische Holzbearbeitung ermöglichte eine schnellere und präzisere Produktion von Kameragehäusen.
Arbeitsteilung: Die Produktion wurde in mehrere Arbeitsschritte unterteilt, wodurch die Effizienz gesteigert wurde.
Innovation in der Technik: Mit der „Zeus-Spiegel-Kamera“ brachte Hüttig 1896 die erste einäugige Spiegelreflexkamera aus Dresdner Produktion auf den Markt.
Diese Entwicklungen führten dazu, dass Hüttig 1897 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Dies war ein klares Zeichen für die wirtschaftliche Transformation: Statt eines handwerklichen Betriebs war Hüttig nun ein modernes Industrieunternehmen, das sich durch Innovation und Massenfertigung auszeichnete.
Bedeutende Kameramodelle der Hüttig AG
Hüttig brachte eine Vielzahl von Kameramodellen auf den Markt, die anfangs ausschließlich für professionelle Fotografen gefertigt wurden. Zügig wurde die Produktpalette um Amateurkameras erweitert. In diesem Segment hatte sich bereits der Dresdener Mitbewerber Emil Wünsche einen Namen gemacht. Die Modell- und Variantenvielfalt war zu Beginn des 20. Jahrhundert bei Hüttig auf ein kaum mehr zu überblickendes Maß angewachsen (über 90 Grundmodelle mit über 400 Varianten). Neben Fotoapparaten fertigte das Werk auch Filmkameras. Zu den bekanntesten Produkten der Hüttig AG gehören:
Hüttig Detective Camera (1893): Eine frühe handliche Kamera, die durch ihr diskretes Design und einfache Bedienung bestach.
Zeus-Spiegel-Kamera (1896): Die erste einäugige Spiegelreflexkamera aus Dresdner Produktion, die einen präzisen Blick durch das Aufnahmeobjektiv ermöglichte. Die Weiterentwicklung als Modell II im Jahr 1897 erlaubte zudem den Wechsel des Objektivs.
Tropen-Kameras (um 1900): Speziell für den Einsatz in feuchtwarmen Klimazonen entwickelt, mit besonders widerstandsfähigem Material.
Hüttig Klappkamera (1904): Eine kompakte, zusammenklappbare Kamera, die das Reisen erleichterte und sich als beliebtes Modell durchsetzte.
Hüttig Spiegel-Reflex-Künstler-Kamera (1906): Die Spiegelreflexkameras für die professionelle Fotografie galten als im internationalen Vergleich technisch führend und wurden nach der Fusion als Ica Künstler-Reflex fortgeführt.
Herausforderungen und Fusion
Trotz des Erfolgs geriet die Hüttig AG in unternehmerische Schwierigkeiten. Die zu breite Produktpalette, verbunden mit finanziellen Unregelmäßigkeiten, führte 1909 zur Fusion mit mehreren anderen Dresdner Kameraherstellern zur Internationalen Camera Actiengesellschaft (ICA). Dies markierte das Ende der Hüttig AG als eigenständiges Unternehmen, aber auch den Beginn einer noch effizienteren Industrialisierung der Kameraproduktion.
Vermächtnis
Die Hüttig AG legte mit ihren Innovationen und ihrer industriellen Produktionsweise den Grundstein für die spätere Entwicklung der Dresdner Fotoindustrie. Die Fusion zur ICA und die daraus resultierende Weiterentwicklung führten letztlich zur Gründung der Zeiss Ikon AG im Jahr 1926, die den Ruf Dresdens als Zentrum des Kamerabaus weiter festigte. Der Übergang von handwerklicher Fertigung zur industriellen Produktion, den Hüttig vollzogen hatte, wurde zum Vorbild für die gesamte Branche und prägte die Kameraherstellung nachhaltig.