Der Kamerahersteller Beier gehört zu den prägenden Namen der sächsischen Fotoindustrie des 20. Jahrhunderts. Seine Geschichte ist untrennbar mit der Person Woldemar Beier und mit dem Produktionsstandort Freital verbunden. Anfang der 1920er-Jahre entwickelte sich durch mehrere Unternehmensgründungen im Raum Freital/Tharandt ein weiteres Unterzentrum des sächsischen Kamerabaus.
Die Beier-Kamerawerke wurden 1923 von Woldemar Beier in Freital als Freitaler Kameraindustrie Beier & CO gegründet. Beier war Feinmechaniker und Miteigentümer der Freitaler Thowe-Werke, welche er aber 1923 verlies. Sein Handwerkszeug hatte Beier rund 20 Jahre vorher ebenfalls an der Weißeritz erlangt: Kurz nach der Jahrhundertwende erlernte Woldemar Beier (Jahrgang 1886) beim Freitaler Kamerahersteller Merkel den Beruf des Mechanikers und qualifizierte sich anschließend zum Feinmechanikermeister weiter.
Woldemar Beier prägte sein Unternehmen in den ersten Jahrzehnten maßgeblich durch eine klare Ausrichtung auf alltagstaugliche Kameras. Unter seiner Leitung entwickelte sich Beier von einem kleinen Betrieb zu einem anerkannten Hersteller innerhalb der sächsischen Kameralandschaft.
Die Zwischenkriegszeit: Von der Holzplattenkamera zur ersten Beirette
Bereits in den ersten Jahren des Bestehens wuchs das Unternehmen schnell, sodass es bis 1929 zu zwei Umzügen innerhalb Freitals kam. Die frühe Phase des Unternehmens war geprägt von Plattenkameras im Holzgehäuse mit einfachem oder doppeltem Auszug und vergleichsweise einfachen, aber alltagstauglichen Verschlüssen (z.B. Vario) und Objektiven. Die Plattenkameras wurden in den Formaten 9 x 12 und 6,5 x 9 cm angeboten. Ab 1929 folgte die zweite Generation der Plattenkameras – nunmehr im Aluminiumgehäuse. Diese Materialumstellung war für die gesamte Branche äußerst innovativ. Exemplarisch sollen hier zwei Beier-Modelle benannt werden:
Beier Edith: einfache Plattenkamera mit Holzkorpus und einfachem Auszug, hergestellt seit der Gründung 1923, Platten- bzw. Filmformat 9 x 12 und 6,5 x 9 cm, verschiedene Verschlüsse (häufig der selbstspannende Vario von Gauthier)
Beier Lotte II: Plattenkamera mit Leichtmetallkorpus und doppeltem Auszug, vorgestellt 1929, Platten- bzw. Filmformat 9 x 12 und 6,5 x 9 cm, verschiedene Verschlüsse
Sie richteten sich an ambitionierte Amateurfotografen und zeichneten sich durch eine solide Verarbeitung aus.
Neben der Modernisierung der Plattenkameras weitete Beier in dieser Zeit sein Sortiment auf weitere Kameragattungen aus. Ebenfalls im Jahr 1929 erschien mit der Rifax die erste Klappkamera für Mittelformatfilm (120). Ihr folgten die Voran, Precisa und die Beirax (1936). Der grundlegenden Unternehmesphilosophie folgend handelte es sich auch bei diesen Modellen um solide Gebrauchskameras des mittleren Segments, die auf den wachsenden und gleichzeitig umkämpften Markt der Amateurfotografie ausgerichtet waren. Insbesondere die Precisa (im Format 6 x 6 cm) und Beirax (im Format 6 x 9 cm) sollten das Produktportfolio Beiers in den nächsten zwei Jahrzehnten prägen.
Beiers Ambitionen im Mittelformat sollten aber weiterreichen. Im Jahr 1938 kam mit der Beier-Flex eine Spiegelreflexkamera im Format 6 x 6 cm auf den Markt. Der Tuchschlitzschluss ermöglichte Belichtungszeiten bis 1/500 sec. 1939 folgte noch ein überarbeitetes Modell 2, bevor die Produktion im Rahmen der Umstellung auf Kriegswirtschaft zum Erliegen kam. Mit der Beier-Flex zeigte Beier seine Fähigkeit zur Konstruktion und Fertigung hochwertiger Kameras jenseits des Massenmarkts.
1931 reagierte Beier auf den wachsenden Erfolg des Kleinbildformats (24 × 36 mm) mit der Beika, die im Folgejahr in Beira umbenannt wurde. Von den zahlreichen Mitbewerbern in dem Segment hob sich das Modell durch die interessante Fernrohrsucherkonstruktion ab. Unterm Strich blieb die Beira jedoch ein Nischenprodukt. Mit dem zweiten Anlauf im Kleinbildformat entstand 1939 die Beirette, die später zum wohl bekanntesten Produkt des Hauses werden sollte. Die frühen Beirette-Modelle waren einfach konstruierte Sucherkameras.
Kriegszeit und Neuanfang
Der Zweite Weltkrieg brachte einen tiefen Einschnitt. Die zivile Kameraproduktion wurde eingeschränkt und kam im Jahr 1941 zum Erliegen. Im Gegensatz zu vielen Dresdner Firmen, blieb Beier von Kriegsschäden verschont. Allerdings wurde das Werk 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert und als Reparationsleistung in die UdSSR verbracht. 1946 nahm Beier die Produktion wieder auf, stellte aber vorerst einfache Haushaltsgegenstände her. Im Jahr 1949 wurde mit der Vorkriegs-Beirax die Kameraproduktion wieder aufgenommen.
Beier in der DDR
Im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben in der sowjetischen Besatzungszone bzw. jungen DDR wurde das Unternehmen nicht nach Kriegsende verstaatlicht, sondern verblieb in Woldemar Beiers Besitz. Die Kameraproduktion konzentrierte sich in den 1950er-Jahren auf Rollfilm-Klappkameras, die im wesentlichen auf den Vorkriegskonstruktionen beruhrten. 1955 wurden die Precisa und Beirax modernisiert, was ich im wesentlichen auf neue Deckkappen mit integriertem Sucher beschränkte. 1958 sieht sich Beier dazu gezwungen, das Unternehmen in eine Kommanditgesellschaft zu wandeln und einen staatliche Beteiligung zuzulassen.
Im gleichen Jahr legt Beier die erste Nachkriegs-Beirette auf und kehrt damit zum Kleinbildformat zurück. Die Beirette wurde konsequent weiterentwickelt und in hohen Stückzahlen gefertigt. Die massentaugliche Kleinbildkamera prägte fortan die Produktpalette der Firma und wurde in einer Vielzahl an Modellvarianten in den folgenden drei Jahrzehnten für den Binnen- und Exportmarkt gefertigt. Genannt seien hier exemplarisch die Beier-Matic von 1961, mit der Beier seine erste halbautomatische Kamera auf den Markt brachte. Mit der Beirette K folgte 1965 die erste Kamera der Firma für SL-Filmkassetten.
Volkseigener Betrieb
1972 erfasste die zweite Verstaatlichungswelle der DDR auch die Kamerafabrik Beier, welche zum VEB Kamerafabrik Freital. 1976 folgt die Eingliederung in den Dresdner VEB Pentacon, welcher 1985 wiederum dem Kombinat Carl Zeiss Jena angeschlossen wird.
In den 1970er und 1980er Jahren liegt der Fokus voll und ganz auf der Fertigung verschiedenster Beirette-Modelle in großen Stückzahlen. Die Produktlinien umfassten Kameras für den klassischen Kleinbildfilm wie auch für SL-Kassetten. Die Produktion erfolgte teilweise auch in den Pentacon-Betriebsteilen, die ehemals zu Certo und Pouva gehörten. Unter der Vielzahl an Modellvarianten kann u.a. die SL400 mit mikroelektronisch gesteuertem Verschluss hervorgehoben werden. Obwohl technisch nicht mehr auf internationalem Stand der Technik blieb die Beirette bis in die 1985 auch eine Exportkamera, die in der BRD unter dem Markenname des Importeurs Beroquick erhältlich war.

1989 erschien eine einfache Sucherkamera mit der Bezeichung Praktica 35M, die sich nach der politischen Wende aufgrund ihrer technischen Rückständigkeit aber kaum mehr verkaufte. Es handelte sich um die letzte auf den Markt gebrachte Kamera aus Freital, da die geplante Variante Praktica 35MF nicht mehr zur Serienfertigung geführt wurde. Daran änderte auch die Restrukturierung zur GmbH im Sommer 1990 nichts mehr. Die produzierten Stückzahlen marginalisierten sich und 1992 erfolgte die Auflösung der Nachfolgegesellschaft.
Beier im Sächsischen Kameramuseum
Die in der Sammlung des SKM befindlichen Exponate spiegeln sowohl die Vorkriegsproduktion als auch die Entwicklung in der DDR wider. Naturgemäß umfasst der Bestand eine Vielzahl an Beirette-Varianten und die Bandbreite an Rollfilmkameras der 1930er bis 1950er Jahre, u.a. die Precisa IIa mit ungekuppeltem Entfernungsmesser von 1955. Vertreterin aus dem Segment der Plattenkameras ist u.a. eine Lotte II im Format 6,5 x 9 cm. Den Endpunkt der Produktion an der Weißeritz setzt in der Sammlung die recht seltene „Praktica“ 35M. Grundsätzlich ist der Sammlungsbestand zur Freitaler Kameraindustrie weiterhin ausbaufähig.


















