Wenn man über Dresdens Kameraindustrie spricht, fallen schnell die „Großen“ – doch gerade die kleineren Betriebe erzählen oft die spannendsten Geschichten. Eine davon beginnt 1904 und führt über EHO-Boxkameras, das Amca-Camera-Werk bis hin zur Altissa und den bekannten Altix-Kleinbildkameras.
1904–1926: Die Anfänge bei Richard Knoll
Den Ursprung bildet die „Photographische Manufaktur Ingenieur Richard Knoll“, gegründet1904 in Dresden. Hier entstanden zunächst fotografische Artikel und Geräte in eher manufakturartigen Strukturen. Bemerkenswert ist, dass der Manufakturbetrieb in einer Zeit eröffnet wurde, in der auch die Kameraproduktion einen Prozess der Industrialisierung durchlaufen ist. Insbesondere die großen Hersteller, wie Hüttig, Ernemann und Wünsche, fertigten ihre Produkte mittlerweile weitestgehend industriell in entsprechenden Stückzahlen.
1926 übernimmt Emil Hofert den Betrieb; 1927 lautet die Firmierung „Fabrik photographischer Artikel Emil Hofert vorm. Richard Knoll“. Hofert setzt bewusst auf einen Kameratyp, den viele Dresdner Konkurrenten zu jener Zeit kaum bedienen: Boxkameras – einfach, robust, preiswert. Seine Leitidee: Auch Menschen mit kleinem Geldbeutel sollen eine einfach zu bedienende, aber ordentlich arbeitende Kamera erwerben können. Ab 1931 wird daraus die „Eho Kamera-Fabrik GmbH“ – der Name EHO (oft als Markenlogo auf der Front) wird zum festen Begriff.
Der Hersteller brachte eine ganze Reihe typischer Rollfilm-Boxen (meist 120er Rollfilm, 6×9 cm) heraus, wie zum Beispiel:
- EHO Box 152 (um 1932): 6×9-Boxkamera, häufig mit EHO Duplar 1:11/110 mm, einfacher Rotationsverschluss.
- EHO Box 180 (späte 1930er): klassische 6×9-Box, zeitgenössisch als sehr solide Gebrauchskamera bekannt; Preisangaben in RM zeigen den Anspruch, erschwinglich zu bleiben.
Solche Kameras stehen heute vielleicht nicht für „High-End“, aber sie sind Zeitzeugen dafür, wie die Fotografie alltagstauglich wurde – denn für viele Menschen waren die besser ausgestatteten Klapp- und Laufbodenkameras der damaligen Zeit nicht im Budget – ganz zu schweigen von den hochwertigen Leicas, Contax oder Exaktas, die für die meisten Zeitgenossen ein unerfüllbarer Traum blieben.
Eine unter Sammlern beliebte Besonderheit ist die EHO Stereo-Box. Wie der Name es schon verrät handelte es sich hierbei um eine Boxkamera mit Doppelobjektiv, die einen verhältnismäßig günstigen Einstig in die eigentlich teure Stereofotografie ermöglichte.
Nach Hofert: Berthold Altmann, Amca und der Schritt zur Kleinbildkamera
Nach Emil Hoferts Zeit übernimmt Berthold Altmann die Firma (in verschiedenen Quellen wird das um Herbst 1934/Januar 1935 verortet). Der Betrieb hat Mitte der 1930er Jahre etwa 60 Beschäftigte – für Dresdner Verhältnisse ein kleiner, aber ernstzunehmender Hersteller. Altmann versucht nun, aus der reinen „Boxkamera-Nische“ herauszukommen. Neben wachsenden Ansprüchen der Käuferschaft hat sich auch das Marktumfeld mittlerweile gewandelt. Die meisten Hersteller führten nunmehr auch Boxkameras in ihrem Portfolio. Teilweise wurden diese besonders günstig auf den Markt gebracht, um im Nachgang vom Absatz der Filme profitieren zu können. Das prominenteste Beispiel für diese Marktstrategie ist die „4-Mark-Box“ der AGFA. Unter den Bemühungen, das Sortiment über das Niveau einfacher Boxkameras anzuheben, sind vier Modelle hervorzuheben. Zum einen entwickelte EHO Boxkamera-Modelle weiter. Hier ist zum einen die Altissa-Box zu benennen, deren Funktionsumfang weiterhin in der üblichen Leistungsklasse einer Boxkamera lag, jedoch zur deutlich komfortableren Arbeit einen großen Durchsichtsucher besaß, der auf der Gehäuseoberseite angebracht war. Zum anderen soll die Super Altissa Erwähnung finden: Ebenfalls im Grunddesign eine Boxkamera, aber mit einem Zentralverschluss mit der schnellsten Verschlusszeit von 1/100s sowie einem fokussierbaren Objektiv mit Lichtstärke 3.5 oder 4.5 ausgestattet, kann diese Kamera als Übergang zwischen Box und klassischer Rollfilmkamera angesehen werden. Mit der Altiflex betrat EHO 1937 das Segment der zweiäugigen Spiegelreflexkameras (TLR). Bezüglich der technischen Ausstattung und Leistungsmerkmale kann die Kamera mit der bekannteren Reflekta der Firma Richter aus Tharandt verglichen werden. Bereits 1938 folgte eine leicht verbesserte Altiflex 2, die nunmehr über eine Doppelbelichtungssperre und eine zusätzlichen Sportsucher verfügte. Die bedeutendste und nachhaltigste Innovation stellte jedoch die im Jahr 1938 vorgestellte Altix dar. Mit diesem Modell präsentierte das Unternehmen seine erste Kleinbildkamera. Die Altix ist der große Name, der aus dieser Firmengeschichte herausragt. Kriegsbedingt wird die Fertigung früh wieder eingestellt, jedoch 1947 wieder aufgenommen. Ihre Blüte erlebt die Kamera in den 1950er-Jahren, in denen sie eine bedeutende Rolle für den heimischen Konsumgütermarkt der DDR spielt und stetig weiterentwickelt wird.
1940 wählt Altmann den Namen „Amca-Camera-Werk Berthold Altmann“ (Amca = Altmann-Cameras). 1941 setzt sich schließlich der Name Altissa durch – der Markenname, der bis heute am bekanntesten geblieben ist. Während des Zweiten Weltkriegs wird – wie bei vielen Betrieben – die Produktion auf Rüstungsgüter umgestellt. Das Werk wird bei den Luftangriffen im Februar 1945 nahezu vollständig zerstört.
1946–1952: Neubeginn in Dresden – Altissa und die Rückkehr der Altix
Trotz der Zerstörung gelingt 1946/47 ein Neustart: rund 30 ehemalige Mitarbeiter nehmen die Arbeit am Standort Blasewitzer Straße 17 wieder auf. Ab 1948 läuft die Fertigung teils unter dem Namen ALDO-Feingeräte GmbH (u. a. Zubehör, Mikroskope). Gleichzeitig gewinnt die Kameraproduktion wieder an Bedeutung.
1952–1959/60: Verstaatlichung, VEB Altissa – Wachstum und Modellvielfalt
1952 wird der Betrieb verstaatlicht und firmiert als VEB Altissa-Camera-Werk (bzw. in Varianten der VEB-Bezeichnung). In dieser Phase wächst das Werk deutlich: für 1951 werden etwa 160 Beschäftigte, für 1953 rund 300 genannt.
Neben den Altix-Kameras gibt es weiterhin einfache Kameras für den breiten Markt, etwa die Altissa-Box (bis ca. 1957): kleine 6×6-Boxkamera, z. B. mit Altissar Periskop 1:8, Fixfokus und einfachem Verschluss (B und ca. 1/25 s), wie sie bereits vor dem Krieg produziert wurde.
In den 1950er Jahren entsteht eine ganze Reihe von Altix-Varianten – heute ein dankbares Sammelgebiet:
- Altix I (ab 1938; nach 1947 wieder): früher Einstieg in die Kleinbildfotografie.
- Altix II (1948)
- Altix III (1949)
- Altix IIIA (1950; Einführung des 24×36-Formats)
- Altix IV (1952)
- Altix V (1954; Einführung wechselbarer Objektive mit Altix-Bajonett)
- Altix-n und Altix-nb (1958), wobei das „b“ für (zunächst aufgesetzten, später integrierten) Belichtungsmesser steht.
Bis zur Altix III sind quadratische Aufnahmen (24×24 mm) typisch; ab der Altix IIIA setzt sich 24×36 mm durch – also das klassische Kleinbildformat.
Eine weniger bekannte Besonderheit ist die Altuca; eine Tubuskamera für 120er-Film im Aufnahmeformat 6 x 6 cm, die Mitte der 1950er-Jahre gefertigt wurde.
1959–1960: Eingliederung – das Ende der Selbstständigkeit
1959 wird das Altissa-Werk in den Großbetrieb VEB Kamera- und Kinowerke Dresden eingegliedert (später Teil der Pentacon-Strukturen). Damit endet die rechtliche Eigenständigkeit; die Produktion unter dem Markennamen Altissa läuft in der Folge aus – um 1960 ist diese Phase im Kern abgeschlossen.

EHO/Altissa im Sächsischen Kameramuseum
Das SKM verfügt über einen interessanten Bestand an Kameras der EHO bzw. Altissa. Neben verschiedenen Vor- und Nachkriegsmodellen der Altissa-Box (u.a. die seltene Ausführung mit Lichtschachtsucher) befindet sich auch eine Altiflex 2 im Musemsbestand. Einen logischen Schwerpunkt der Sammlung bilden die verschiedenen Altix-Ausführungen. Erst kürzlich zugegangen ist zudem die Altuca-Rollfilmkamera. Gesucht werden insbesondere die Super-Altissa und Altix 1, aber auch die verschiedenen Ausführungen der klassischen Boxkameras.