Die Mentor‑Kamerafabrik – offiziell „Goltz & Breutmann OHG Fabrik photographischer Apparate“ – war ein bedeutender deutscher Kamerahersteller mit Sitz in Dresden, dessen Produkte vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1970er‑Jahre hinein professionellen und ambitionierten Fotografen dienten. Der Ruf des Herstellers basierte primär auf dessen großformatigen Spiegelreflexkameras, die über mehrere Jahrzehnte weite Verbreitung in Fotostudios fanden.
Frühzeit und wirtschaftliche Herausforderungen
Gegründet wurde das Unternehmen 1898 in Berlin von Hugo Breutmann, einem Feinmechaniker, der ein Werk für fotografische Apparate aufbaute. Bereits 1899 trat der kaufmännisch versierte Frantz Goltz als Mitinhaber bei. Der Betrieb produzierte früh moderne Schlitzverschluss‑Kameras, die sich technisch von vielen Mitbewerbern abhoben. Goltz schied bereits in den Berliner Jahren wieder aus dem Unternehmen aus. An seine Stelle trat der Geschäftsmann Gustav Adolf Heinrich. Diese Änderung in den Besitzverhältnissen führten jedoch nicht zur Änderung des Firmennamens.
1906 verlegte Goltz & Breutmann den Betrieb nach Dresden in das damalige Zentrum der deutschen Kameraindustrie. Dort wuchs das Unternehmen in einem Umfeld auf, das durch starke Konkurrenz geprägt war: Neben Firmen wie ICA und Ernemann versuchten zahlreiche kleinere Hersteller, ihren Platz zu finden.
Die wirtschaftliche Lage in den 1920er und frühen 1930er Jahren war geprägt von großer Instabilität: Inflation, schwankende Nachfrage im Kameramarkt und der zunehmende Konkurrenzdruck – gerade durch große Marken wie Zeiss Ikon – führten zu Belastungen. Nach der Weltwirtschaftskrise ab 1929 geriet das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten; der damalige Geschäftsführer Adolf Heinrich verstarb im Jahr 1935, was die Lage zusätzlich verschärfte und zum Niedergang des Unternehmens führte.
Schließlich übernahm 1944 der Mechanikermeister Rudolf Großer die Konkursmasse der Mentor‑Kamerafabrik und setzte mit einem kleinen Team von 15 Mitarbeitern die Produktion fort – als Einzelfertigung und in deutlich reduzierter Kapazität. Dies war kein sofortiger Neustart großer Serienfertigung, sondern vielmehr ein beharrliches Bemühen, die Marke am Leben zu halten.
Bedeutende Modelle vor dem Zweiten Weltkrieg
In den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg baute Mentor eine Reihe technisch interessanter Kameras, die sich vor allem an professionelle Anwender richteten:
- Mentor Reflex (9×12 cm) – klassische Platten‑SLR aus den 1910er bis 1930er Jahren, die robust und zuverlässig im Atelier‑ und Portraitbetrieb eingesetzt wurde.
- Mentor Klapp-Reflex – eine einäugige Spiegelreflexkamera mit drehbarem Kassettenrahmen zur Hoch‑ und Querformat‑Aufnahme; sie bot Wechselobjektive und einen mechanischen Schlitzverschluss mit bis zu 1/1300 s und wurde ab 1913 in verschiedenen Formaten von 6,5 x 9 cm bis 13 x 18 cm gefertigt.
- Mentor Stereo-Reflex – Stereo-Spiegelreflexkamera im Format 9 x 18 cm, produziert in den 1920er-Jahren.
- Mentor Dreivier – eine kompakte Sucherkamera für 127 Rollfilm (3×4 cm), typisch für die Übergangszeit zur Rollfilmfotografie.
- Mentorett (ca. 1935–36) – eine seltene TLR‑artige Zweiäugige Spiegelreflexkamera für 6×6 cm, mit besonderen mechanischen Lösungen für Filmtransport und Verschlusszeiten, die den Mitbewerbern eigene Wege bot.
Diese Modelle zeigen das breite Spektrum der Vorkriegsproduktion von Mentor: von großformatigen Atelier‑SLRs bis zu kompakteren Rollfilmkameras, die sich in Gestaltung und Funktion stark voneinander unterschieden. Kernbereich bleib aber stets das Großformat, während man in den übrigen – hart umkämpften – Segmenten nicht nachhaltig fußfassen konnte.
Krieg, Wiederaufbau und DDR‑Periode
Der Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 zerstörte große Teile der Fabrik. Großer, der zu diesem Zeitpunkt bereits die Fertigung in kleinem Umfang wieder aufgenommen hatte, musste praktisch von null beginnen. Schon 1945 setzte er mit wenigen Mitarbeitern Reparatur‑ und Produktionsarbeiten fort, die schließlich 1948 in die Vorstellung der ersten nachkriegsgefertigten Atelier‑Spiegelreflexkamera im Format 9×12 cm mündeten, kurz darauf ergänzt um ein Modell für 6,5×9 cm.
In den 1950er Jahren erweiterte Mentor das Angebot: So entstand um 1953 eine Reisekamera im Format 13×18 cm, die jedoch aufgrund fehlender Studioeigenschaften nicht den gewünschten Markterfolg brachte.
Ein technisch interessantes Nachkriegsmodell war die Mentor Studio (13×18 cm) – eine transportable Laufbodenkamera mit doppeltem Auszug und vielseitigen Verstellmöglichkeiten. Ihre Konstruktion mit Fokalebenenverschluss ermöglichte die Nutzung unterschiedlichster Objektive, auch historischer Typen. Dieses Modell blieb bis in die 1970er‑Jahre in Produktion und wurde später unter dem VEB‑Namen weitergebaut.
1965 erschien die letzte neue Kamera der Mentor-Werke. Mit den Modellen Panorama 1 und 2 wurde erstmalig in der DDR eine Großformatkamera auf dem Prinzip der optischen Bank produziert, wie sie in der BRD u.a. von Linhof angeboten wurde – mit einem wesentlichen Unterschied: Auch bei der Panorama setzte Mentor auf den Schlitzverschluss auf Fokalebene und blieb damit seiner Konstruktionstradition treu. Dies war nicht zuletzt auf den Mangel an geeigneten Zentralverschlüssen in der DDR zurückzuführen. Gleichwohl bot dieses Prinzip weiterhin den Vorteil eine Vielzahl an Objektiven an der Kamera einsetzen zu können.
Verstaatlichung und Ende der Marke
Nach dem Tod Rudolf Großers 1968 übernahm sein Sohn Claus den Betrieb. Durch die wirtschaftliche Entwicklung der DDR wurde 1972 eine Verstaatlichung durchgeführt und die Firma als VEB Mentor Großformat‑Kameras Dresden weitergeführt. Ab 1980 wurde das Unternehmen in das Kombinat VEB Pentacon Dresden eingegliedert, wodurch der ursprüngliche Name „Mentor“ als eigenständige Marke endete, auch wenn die Produktion von Großformatkameras innerhalb des Kombinats fortbestand.