Die Zeiss Ikon AG wurde 1926 in Dresden gegründet und gehörte ab diesem Zeitpunkt zu den weltweit bedeutendsten Unternehmen der Kamera- und Kinotechnik. Sie entstand aus dem Zusammenschluss traditionsreicher Firmen: ICA Dresden, C. P. Goerz Berlin, Contessa-Nettel Stuttgart und Ernemann Dresden. Treibende Kraft war Carl Zeiss Jena, die Hauptgesellschafterin der ICA. Der Name „Ikon“ verweist auf das griechische Wort für „Bild“. Zudem soll er phonetisch auf die beiden Unternehmen ICA und Contessa-Nettel bezugnehmen.
Mit der Gründung der Zeiss Ikon A.G. ging mit Ernemann der letzte nach 1909 selbstständig gebliebene Großbetrieb der Dresdener Kameraindustrie im Firmengeflecht der Carl Zeiss Jena auf, nachdem bereits Wünsche und Hüttig in der ICA A.G. zusammengeführt wurden. Zum damaligen Zeitpunkt hatte sich Heinrich Ernemann noch den Lockrufen aus Jena entziehen können. 17 Jahre später veranlasste ein sich wandelndes Marktumfeld auch Ernemann zur Fusion.
In den ersten Jahren ging es vor allem darum, die vielen übernommenen Produktlinien zu ordnen. Aus einer kaum überschaubaren Vielfalt von Kameramodellen entstand ein gestrafftes Sortiment. Dresden blieb dabei ein Zentrum des Kamerabaus und der Kinoprojektion. Das Ernemann-Werk wurde besonders für Projektoren wichtig, während Kamerafertigung und Zubehör auf mehrere Standorte verteilt waren. Im Wesentlichen erfolgte die Kameraproduktion an den Standorten Dresden (ehem. ICA-Werke) und Stuttgart (Contessa-werk), während die Goerz-Werke in Berlin weiterhin Boxkameras herstellten, aber gleichzeitig auch branchenfremde Produktlinien (z.B. Türschlösser der Marke Zeiss Ikon) fertigten. Grob
Nicht nur die Modellvielfalt erfuhr mit der Zeit eine deutliche Straffung. Auch einzelne Produktbereiche wurden zugunsten des Jenaer Mutterkonzerns eingestellt. So bedeutete die Fusion das Ende der bisher bei Ernemann erfolgten Objektivfertigung. Auch die Zentralverschlüsse verschwanden aus dem Portfolio der Dresdener Werke und wurden durch Zukäufe bei Gauthier und F. Deckel ersetzt. Beide bayerischen Hersteller standen in einem Beteiligungsverhältnis zu Carl Zeiss Jena.
Zu den bekanntesten Produkten der Zeiss Ikon AG zählten die Ikonta-Klappkameras, die Nettar, die Box Tengor, die Ikoflex, die Tenax und vor allem die Contax. Mit der 1932 vorgestellten Contax wollte Zeiss Ikon der Leica Konkurrenz machen. Die Contax stand für hohe Präzision, Wechselobjektive und anspruchsvolle Kleinbildfotografie. 1936 folgten Contax II und III; zugleich brachte Zeiss Ikon mit der Contaflex eine technisch bemerkenswerte, wenn auch wirtschaftlich wenig erfolgreiche Kleinbild-Spiegelreflexkamera mit eingebautem Belichtungsmesser heraus.
Die Entwicklung des Unternehmens wurde stark von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt. In der Weltwirtschaftskrise zählte Rationalisierung zu den wichtigsten Aufgaben. Nach 1933 passte sich Zeiss Ikon zunehmend an die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik an. Ab 1939 bestimmte die Rüstungswirtschaft die Produktion immer stärker; laut Sächsischem Staatsarchiv machten Rüstungsgüter bis 1944 etwa 95 Prozent des Produktionsvolumens aus. Hergestellt wurden unter anderem Entfernungsmesser, Zielfernrohre, Geräte für Artillerie, Marine und Luftwaffe. Auch Fremd- und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene wurden eingesetzt. Zwei Außenlager der KZ Flössenburg entstanden im Goehlewerk (Dresden-Pieschen) und im ehemaligen Wünsche-Werk (Dresden-Reick).
Das Jahr 1945 bedeutete eine tiefe Zäsur. Die Berliner Goerzwerke waren nahezu vernichtet, Dresdner Werke teilweise beschädigt, und nach Kriegsende folgten Demontagen. In Sachsen wurden die Dresdner Betriebsteile enteignet und in „Volkseigentum überführt“; sprich verstaatlicht. Ab 1948 firmierten sie als VEB Zeiss Ikon. Dem vorangegangen war der Beschluss der Hauptversammlung der Zeiss Ikon AG zur Verlagerung des Firmensitzes von Dresden nach Stuttgart. Firmensitzverlagerung der Zeiss Ikon AG und Verstaatlichung der ostdeutschen Firmenteile entsprach praktisch einer Teilung des Unternehmens in zwei neue Firmen, die fortan unabhängig voneinander agierten. Damit begann ein jahrelanger Konflikt um Namen, Marken- und Patentrechte.
Für die ostdeutsche Linie war entscheidend, dass die Dresdner Betriebe trotz Demontage und Materialmangel an technische Entwicklungen anknüpften. Besonders bedeutend wurde die Contax S, die ab 1949 in Dresden entstand. Sie gilt als eine der ersten Kleinbild-Spiegelreflexkameras mit fest eingebautem Pentaprisma und Augenhöhensucher. Damit wurde ein Grundprinzip verwirklicht, das die Spiegelreflexfotografie über Jahrzehnte prägen sollte: seitenrichtiges Sucherbild, Blick durch das Aufnahmeobjektiv und komfortables Arbeiten auf Augenhöhe.
Die DDR-Kamerabranche litt jedoch unter Zersplitterung, Markenrechtsstreitigkeiten, begrenzten Ressourcen und politisch gelenkter Wirtschaftsorganisation. In den 1950er Jahren wurden Entwicklung und Produktion Schritt für Schritt konzentriert. Hinzu kamen aber auch hausgemachte Probleme des VEB Zeiss Ikon – insbesondere Qualitätsdefizite der Spiegel-Contax gingen mit einem internationalen Reputationsverlust einher, der durch die teilweise unglückliche Form der Exportgeschäfte über fachfremde Vertriebspartner verstärkt wurde. Mitte der 1950er Jahre zeichnete sich ab, dass die Namensrechtsstreitigkeiten mit der Zeiss Ikon AG Stuttgart vor den bundesdeutschen Gerichten zu Ungunsten des VEB Zeiss Ikon enden werden. Vermutlich aus diesem externen Druck heraus, erfolgte eine weitere Umstrukturierung. 1956 wurden die Auslandspatente auf andere Firmen umgeschrieben und die Entwicklungsabteilung des Fotografiebereichs an die Kamerawerke Niedersedlitz überführt. Ab 1957 verschwand die Zeiss-Ikon-Bezeichnung im Osten zunehmend. Im Laufe des Jahres wurde auch die Fertigung von Fotoapparaten der KW angegliedert. Lediglich die Filmgerätesparte wurde im VEB Zeiss Ikon fortgeführt. 1959 ging das Unternehmen im neugebildeten VEB Kamera- und Kinowerke Dresden Auf. 1964 wurde daraus der VEB Pentacon Dresden. Der Name Pentacon leitete sich aus „Pentaprisma“ und „Contax“ ab und kann unter diesem Blickwinkel als Bezug auf das Wirken der Zeiss Ikon verstanden werden.

Unter Pentacon lebte die Dresdner Kameratradition weiter, während jedoch die von Zeiss Ikon übernommenen Produkte recht schnell aus der Produktion verschwanden. Dies hatte gewiss seinen Hintergrund in der Bemühung, die Produktpalette zu konsolidieren – wie bereits nach den großen Fusionen von 1909 (ICA) und 1926 (Zeiss Ikon). Gleichzeitig kommt hierin aber auch das Entwicklungsdefizit der Zeiss-Ikon-Produkte zum Ausdruck. Im Laufe der 1950er-Jahre hatte das Werk den Anschluss an den Stand der Technik schrittweise verloren. Hinzu kamen die beschriebenen Qualitätsprobleme. Der Fokus des VEB Pentacon lag in den folgenden Jahrzehnten auf der von KW übernommenen Praktica-Reihe, die im neuen Kombinat fortentwickelt und bis 1989 in großen Stückzahlen produziert wurde. Gleichzeitig geriet die DDR-Industrie durch Planwirtschaft, Devisendruck, Materialengpässe und verzögerte Modernisierung gegenüber insbesondere der japanischen Konkurrenz zunehmend unter Druck, sodass mit der politischen Wende 1990 auch die Abwicklung Pentacons erfolgte. Die Nachwendeproduktion der Praktica BX20s unter dem Dach der Pentacon GmbH bis 2000/2001 kann nur noch als ein letztes Nachhallen des eigentlich schon gestorbenen Dresdener Kamerabaus verstanden werden.
Die Geschichte von Zeiss Ikon ist damit mehr als eine Firmengeschichte. Sie zeigt den Aufstieg Dresdens zu einem Zentrum der optischen und feinmechanischen Industrie, die technischen Spitzenleistungen deutscher Kamerabauer, aber auch die Brüche des 20. Jahrhunderts: Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, Krieg, Enteignung, deutsche Teilung, Planwirtschaft und schließlich das Ende vieler DDR-Industriestrukturen nach 1990. Für Kamerasammler und Technikinteressierte bleibt Zeiss Ikon ein Name von besonderem Rang – verbunden mit Kameras, die bis heute von Erfindergeist, Präzision und sächsischer Industriegeschichte erzählen.





















