Die Internationale Camera Actiengesellschaft, kurz ICA, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der größten Kamerahersteller weltweit. 1909 in Dresden gegründet, entstand das Unternehmen aus dem Zusammenschluss mehrerer renommierter Kameraproduzenten: Hüttig AG, Wünsche AG, Krügener sowie der Palmos-Kamerabauabteilung der Carl Zeiss Jena. Ziel war es, die Kräfte zu bündeln und der wachsenden Konkurrenz in der Fotobranche mit einer starken Marke entgegenzutreten. Die ICA war in der Zeit ihres Bestehens der größte Kamerahersteller Europas.

1912 erweiterte ICA ihr Geschäft durch die Eingliederung des Schweizer Herstellers Zulauf, wodurch die internationale Marktstellung weiter ausgebaut wurde. In den 1920er Jahren intensivierte ICA zudem die Zusammenarbeit mit Contessa-Nettel (Stuttgart), was bereits vor der Fusion zur Zeiss Ikon AG eine enge Verbindung zwischen den Unternehmen schuf und den technologischen Austausch förderte. Durch diese Entwicklungen wurde ICA zur dominierenden Kraft auf dem europäischen Kameramarkt und konnte sich mit innovativen Entwicklungen international etablieren. Gleichzeitig bedeutete die Gründung der ICA mit der Verschmelzung der beiden Dresdener Hersteller Wünsche und Hüttig nicht nur den ersten großen Konzentrationsprozess innerhalb der sächsischen Kameraindustrie, sondern ebenso einen wachsenden Einfluss der Carl Zeiss Jena, als bedeutende Gesellschafterin der ICA.
Produktvielfalt und Innovationen
ICA war bekannt für eine breite Palette an Kameramodellen, die von einfachen Amateurgeräten bis hin zu professionellen Großformatkameras reichte. Besonders populär waren die Klappkameras, die eine kompakte Bauweise mit leistungsfähiger Optik kombinierten. Ebenso trugen Plattenkameras und Spezialgeräte zur großen Beliebtheit der Marke bei.
Das Portfolio der ICA beinhaltete eine immense Fülle an Laufboden-Plattenkameras. Eine weitverbreitete Modellreihe war die ICA Ideal in den verschiedenen gängigen Platten- bzw. Planfilmformate mit doppeltem Auszug. Gerichtet waren diese Modelle insbesondere an ambitionierte Amateurfotografen. Damit steht diese Baureihe aber nur als ein Beispiel an einer – insbesondere in den Anfangsjahren – schier unüberschaubaren Masse an unterschiedlichen Plattenkameramodellen, deren Konstruktion und Ausstattung sich häufig ähnelten bzw. glichen. Allein im Katalog des Jahres 1912 werden über 20 Modellbezeichnungen für Laufbodenkameras im Format ab 6,5 x 9 bis 13 x 18 cm genannt. Diese differenzierten sich nochmals in unterschiedlichste Ausführungen (Format, Objektiv, Verschluss) aus.
Insbesondere in den ersten Jahren wurde auch eine Fülle an klassichen, großformatigen Atelierkameras angeboten, die Dimensionen bis zu einem Aufnahmeformat von 80 x 100 cm annahmen. Auch Stativ- und Reisekameras sowie Rollfilmapparate gehörten zum Portfolio. Eine recht bekannte Vertreterin der letzteren Gattung war die ICA Icarette, die 1912 auf den Markt kam und bis ca. 1934 (seit 1926 unter Zeiss Ikon) fortgeführt wurde. Mit der Eingliederung des kleinen Züricher Herstellers Zulauf im Jahr 1912 wuchs die Produktpalette der ICA um zwei recht bekannte Modelle: die Spreizenkamera Bébé und die Stereokamera Polyscop. Firmengründer und -eigner Gottlieb Zulauf wurde mit der Fusion Technischer Direktor bei ICA. Die Produktion der Schweizer Modelle wurde nach Dresden verlagert.
Die Bandbreite der Produktpallette umfasste nicht nur verschiedenste Kamerabauarten, sondern ebenso Projektoren, Vergrößerungsgeräte, Stereobetrachter, Objektive, Stative, Kamerataschen, einfache Belichtungsmesser, Laborutensilien und viele weitere Zubehörteile. Dabei ging die Angebotsvielfalt der ICA weit über das übliche Portfolio der Mitbewerber hinaus und hielt auch das eine oder andere Kuriosum: Bemerkenswert ist u.a. das in der Preisliste 1912/13 gelistete Leiterstativ mit einer Höhe bis zu 4 Metern. Auch ganze Studioausstattungen und -dekorationen wurden von ICA gefertigt und angeboten: Von der Hintergrundleinwand über die Sitzgruppe bis hin zu Gestaltungselementen wie Säulen und Brückenattrappen.

Ein wichtiger Aspekt der Produktstrategie im Kerngeschäft der Kamerafertigung war die Fortführung und Weiterentwicklung bewährter Modelle der Vorgängerunternehmen. So wurden beispielsweise Kameramodelle der Hüttig AG und Wünsche AG modernisiert. Einige der bekanntesten ICA-Kameras haben ihre Wurzeln bei den Vorgängerfirmen. Hierzu zählt beispielsweise die für ihre kompakte Bauweise bekannte ICA Atom, welche bereits vor 1909 von Hüttig produziert wurde. Auch die Produktbezeichnungen wurden häufig fortgeführt (z.B. Hüttig „Atom“ zu ICA „Atom“). Gleichzeitig brachte ICA eigene Neuentwicklungen auf den Markt, darunter verbesserte Klappkameras mit robusteren Gehäusen und optimierten Verschlussmechanismen. So wurde beispielsweise 1912 parallel zur „Atom“ die neuentwickelte „Victrix“ im selben Plattenformat 4,5 x 6 cm eingeführt.
Die Objektive für ICA-Geräte wurden von namhaften Herstellern wie Carl Zeiss, Goerz und Meyer Görlitz zugekauft, wobei selbstverständlich dem Mutterkonzern Carl Zeiss Jena eine besondere Bedeutung zukam. In der Anfangszeit wurden auch durch die ICA Objektive hergestellt, z.B. für die hauseigenen Projektionsgeräte und Großformatkameras. Auch Verschlüsse wurden durch das unternehmen gefertigt, bekannt und verbreitet waren insbesondere der selbstspannende Zentralverschluss Automat und die Tuchschlitzverschlüsse Rekord und Palmos. Wie im Bereich der Objektive gewann mit der Zeit der Fremdbezug von Zentralverschlüssen aus Carl-Zeiss-nahen Unternehmen (Deckel, Gauthier) an Bedeutung.
Fusion zur Zeiss Ikon
Trotz ihres Erfolgs blieb ICA nicht lange als eigenständiges Unternehmen bestehen. 1926 fusionierte sie mit Ernemann, Contessa-Nettel und Goerz zur legendären Zeiss Ikon AG, die fortan den Weltmarkt dominierte. Viele der ICA-Konstruktionen flossen in das Produktprogramm von Zeiss Ikon ein und prägten die Kamerageschichte nachhaltig. Die traditionsreichen Produktionsstätten in Dresden wurden weiter genutzt und trugen wesentlich zur Innovationskraft der neuen Marke bei.
ICA im Sächsischen Kameramuseum
Zu den zahlreichen Exponaten des SKM aus dem Hause ICA zählen u.a. Laufbodenkameras verschiedener Formate aus den Reihen Ideal, Maximar, Trix, Volta und Sirene. Im weniger verbreiteten Format 4,5 x 6 cm finden sich Exemplare der Victrix im Bestand, hervorzuheben ist hier eine Variante, die für Butcher & Son als „Watch Climax“ gefertigt und zugeliefert wurde. Ebenfalls aus der langjährigen Kooperation mit dem britischen Hersteller stammt das Exponat „ICA Reflex“, welches zwar von ICA vertrieben wurde, jedoch aus englischer Produktion stammt. Im Bereich der Rollfilmkameras sind selbstverständlich verschiedene Ausführungen der Icarette hervorzuheben. Das SKM ist um eine ständige Erweiterung der ICA-Bestände bestrebt.